Tod von Hans-Peter Dürr Physik und Frieden

Der Physiker Hans-Peter Dürr ist im Alter von 84 Jahren gestorben. Der Forscher erlangte auch abseits der Formeln große Ehre: Als Friedensaktivist wurde er mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet. Ein Nachruf.

Wenn es so etwas gibt wie die besondere Verantwortung des Wissenschaftlers, dann hat Hans-Peter Dürr sie gelebt. Der 1929 geborene Physiker war einerseits ein brillanter Wissenschaftler, andererseits seit Jahrzehnten Umwelt- und Friedensaktivist. Sein Spezialgebiet war die Kern- und Teilchenphysik, er hatte beim "Vater der Wasserstoffbombe" Edward Teller in Kalifornien promoviert und war dann Werner Heisenberg als Direktor am Max-Planck-Institut für Physik in München gefolgt. Er kannte also die Kraft des Atoms, seine militärische und zivile Nutzung. Mit diesem Wissen wandte er sich an die Öffentlichkeit. Er habe feststellen müssen, "dass die schöne Physik, die ich machen wollte, genau die Physik war, die die Bomben hervorgebracht hatte", sagte er einmal in einem SZ-Interview.

Am vergangenen Sonntag ist Dürr in München gestorben. Sein Wissen und sein Verantwortungsgefühl brachten ihn früh zum politischen Engagement. Er protestierte in den 1980er-Jahren gegen die sogenannte Nachrüstung mit nuklearbestückten Mittelstreckenraketen in Europa ebenso wie gegen Ronald Reagans Initiative eines Raketenabwehrschilds. Und er warnte mit großer Fachkenntnis vor den Gefahren der Plutoniumwirtschaft, in die Deutschland damals mit dem Plan steuerte, eine Wiederaufbereitungsanlage für die Brennstäbe aus Kernkraftwerken zu errichten. In zahlreichen internationalen Initiativen versuchte der Physiker seither, Frieden und einen verantwortungsvollen Umgang mit der Natur zu propagieren. Noch im vergangenen Sommer hatte er, als das Thema gerade aktuell war, vor einem Eingreifen der Nato in den Bürgerkrieg in Syrien gewarnt.

Wissenschaftlich hatte sich Dürr von der Physik der Kerne und Elementarteilchen in eine Richtung weiter entwickelt, die manchem vielleicht etwas wunderlich vorkam: die Erkenntnistheorie. So gab er ein Buch namens "Physik und Transzendenz" heraus, in dem seine Kollegen, lauter Wissenschaftler von Weltrang, von Begegnungen mit dem Wunderbaren erzählten. Dürr fing zudem an, über das Wesen der Wirklichkeit nachzudenken. Für Physiker ist das ein naheliegender Gedanke, weil die Quantentheorie vieles in Zweifel zieht, was in der Alltagserfahrung gegeben erscheint. So sprach Dürr von einem Geist, einem immateriellen Zusammenhang, der die physikalischen Phänomene der modernen Physik zu Materie forme. "Ich kann auch eine Gewissheit haben von etwas, was ich nicht begreifen kann", schrieb er einmal.

Für sein Engagement ist Dürr vielfach ausgezeichnet worden. So erhielt er bereits 1987 den alternativen Nobelpreis. Jacob von Uexküll, Stifter dieses offiziell Right Livelihood Award genannten Preises, nennt Dürr darum in einem Nachruf "einen Brückenbauer zwischen Welten und Weltanschauungen". Zudem wurde Dürr mit der Wissenschaftler-Organisation Pugwash 1995 mit dem Friedensnobelpreis gewürdigt. 2007 erhielt er die Ehrenbürgerwürde der Stadt München. Dürr hinterlässt seine Ehefrau, mit der er mehr als 50 Jahre verheiratet war, vier Kinder und zahlreiche Enkel.