Tierversuche Kaninchen für die Kosmetik

Vergiftet und verätzt: Für viele Tierversuche gäbe es Alternativen. Doch Industrie und Behörden mauern - und lassen Kaninchen und Mäuse ohne Not weiter leiden.

Von Tina Baier

Kaum eine Methode in der Wissenschaft ist so wenig wissenschaftlich wie der Tierversuch. Die Ergebnisse schwanken, hängen von Zustand, Geschlecht und Gewicht der Tiere ab, und oft auch von der subjektiven Einschätzung des Experimentators.

"Müssten sich Tierversuche heute als neue wissenschaftliche Methode etablieren, sie hätten es extrem schwer", sagt Roman Kolar, stellvertretender Leiter der Akademie für Tierschutz in Neubiberg. Doch obwohl viele der Experimente noch aus den 1930er Jahren stammen, sind sie in Gesetzen und Richtlinien vorgeschrieben, beispielsweise um Lebensmittel zu prüfen.

Ein neues Gutachten des Wissenschaftlichen Ausschusses der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) befasst sich mit den Möglichkeiten, Tierversuche durch andere Methoden zu ersetzen.

Ein gewisses Maß an Tierversuchen sei notwendig, schreiben die Gutachter, um ein hohes Verbraucherschutzniveau zu erreichen. Doch vielfach wird auf Tierversuche selbst dann nicht verzichtet, wenn offiziell anerkannte Alternativmethoden zur Verfügung stehen.

Ein völlig unzeitgemäßer Tierversuch in der europäischen Lebensmittelkontrolle ist der so genannte Bio-Maus-Assay, mit dem Speisemuscheln kontrolliert werden. Dabei wird Mäusen ein Extrakt aus dem Darmgewebe von Muscheln in die Bauchhöhle gespritzt, um zu überprüfen, ob die Schalentiere giftige Substanzen, etwa aus Algen, eingelagert haben.

Zuverlässige Ersatzmethode

Sterben zwei von drei Testmäusen innerhalb von 24 Stunden, gilt der Befund als positiv. Etwa eine halbe Million Mäuse gehen in der Europäischen Union jährlich in diesem Test jämmerlich zugrunde. Dass das Verfahren zudem wenig zuverlässig ist, zeigt die Tatsache, dass sich immer wieder Konsumenten mit Muscheln vergiften, die aus geprüften Chargen stammen.

Viel zuverlässiger wäre eine Ersatzmethode, bei der der Muschelextrakt mit Hilfe eines Massenspektrometers analysiert wird. Anders als die meisten anderen Länder Europas missachtet Deutschland die EU-Vorschrift und testet Muscheln schon seit Jahren mit der physikalischen Methode. Die EU-Kommission hat deshalb schon mit Klage gedroht.

Die größten Fortschritte bei dem Bemühen, Tierversuche zu ersetzen, gibt es dem EFSA-Gutachten zufolge bei Methoden, bei denen an Kaninchen getestet wird, ob eine Substanz die Haut schädigt. Bei der Hautkorrosion, die als irreversibler Schaden definiert ist, wurden kürzlich zwei Alternativmethoden auf OECD-Ebene anerkannt, von denen eine mit Modellen menschlicher Haut arbeitet.

Auch der Tierversuch auf Hautreizung, definiert als "reversibler Hautschaden nach dem Auftragen einer Testsubstanz für bis zu vier Stunden", soll bald durch menschliche Hautmodelle ersetzt werden.

"Die Anerkennung auf OECD-Ebene ist wichtig", sagt Andrea Seiler von der Zentralstelle zur Erfassung und Bewertung von Ersatz- und Ergänzungsmethoden zum Tierversuch (Zebet) in Berlin. Alternativmethoden, die nur in der EU anerkannt sind, setzen sich ihrer Erfahrung nach nicht durch - die Unternehmen testen weiterhin an Tieren, um auch in Ländern außerhalb der EU abgesichert zu sein.

Großer Aufwand und hohe Kosten

Dass es bei Hauttests die meisten Fortschritte gibt, hängt nach Ansicht von Roman Kolar mit dem Verbot von Tierversuchen in der Kosmetikindustrie zusammen, das seit dem 11. März dieses Jahres in der EU gilt. "Das zeigt, dass politischer Druck notwendig ist, um etwas zu bewirken", sagt Kolar.

Zurzeit dauert es etwa zehn Jahre bis eine Alternativmethode zum Tierversuch zugelassen wird. Das liegt zum einen an den aufwendigen Prüfverfahren, die die Sicherheit der Verbraucher gewährleisten. Doch nach Ansicht von Kritikern fehlt manchmal auch der Wille, etwas zu verändern.

Für die Industrie, die an den meisten Studien zur Zulassung von Alternativmethoden beteiligt ist, bedeutet die Umstellung vom Tierversuch auf alternative Methoden oft großen Aufwand und hohe Kosten. Viele Unternehmen haben eigene Abteilungen, in denen die Versuchstiere gehalten werden und in denen Tierpfleger, Tierärzte und weiteres Personal arbeiten.

Für die Alternativmethoden ist eine andere Ausstattung und auch anderes Personal erforderlich. Allerdings sind einmal etablierte Alternativen in der Regel billiger als der Tierversuch.

Der so genannten Draize-Test am Kaninchenauge ist dem EFSA-Gutachten zufolge "immer noch die Standard-Methode in Europa, um zu testen ob eine Substanz die Augen schädigt". Bei der Methode wird eine Testsubstanz in die Augen von mehreren Kaninchen geträufelt oder geschmiert.

Starke Verätzungen

"Die Hornhaut ist sehr empfindlich gegenüber reizenden und ätzenden Substanzen. Die Tiere reagieren heftig mit Tränenproduktion.(...) manchmal wimmern sie, wenn die Testsubstanz sehr reizend oder ätzend ist", schreiben die EFSA-Gutachter. Der Versuch dauert bis zu drei Wochen. In dieser Zeit werden die Tiere in speziellen Kisten fixiert, aus denen nur der Kopf herausragt, damit sie sich die Substanz nicht ausreiben können.

Um den Draize-Test zu ersetzen, ist eine ganze Reihe von Alternativmethoden notwendig. Denn der Versuch gibt Auskunft über die Wirkung einer Substanz auf verschiedene Gewebetypen wie Bindehaut, Hornhaut oder Schleimhaut. All diese Alternativmethoden gibt es, doch als die Europäische Union Anfang der 1990er Jahre sechs sorgfältig entwickelte Alternativen prüfen ließ, scheiterte das Vorhaben: Die Alternativmethoden waren schlicht zu gut.

"Sie konnten die schlechte Reproduzierbarkeit des Draize-Test nicht reproduzieren", sagt Kolar. Um den Tierversuch auszuwerten, "leuchtet irgendein Laborant den Kaninchen ins Auge und entscheidet dann, wie kaputt das Auge ist." Das habe zur Folge, dass die Ergebnisse stark schwanken. Die Alternativmethoden kamen dagegen zuverlässig auf das gleiche Ergebnis.

Wissenschaftlich betrachtet ist das sauberer. Doch um zugelassen zu werden, muss eine alternative Methode zum gleichen Ergebnis kommen wie der Tierversuch, den sie ersetzen soll. Immerhin: Inzwischen sind einige Alternativmethoden zugelassen, die zumindest die Erprobung stark ätzender Substanzen an den Augen lebender Kaninchen unnötig machen.