Tierhaltung "Zoos werden zu Freizeitunternehmen"

Amurleoparden-Zwillinge im Zoo Leipzig

(Foto: dpa)

Zoos in Deutschland boomen, 70 Millionen Menschen pro Jahr strömen in die Tierparks. Ist das mit dem Tierwohl noch vereinbar?

Von Jan Heidtmann

Ganz so dramatisch wie bei der "Konferenz der Tiere" wird es in Landau voraussichtlich nicht zugehen. Wollten der Löwe Alois, die Giraffe Leopold und der Elefant Oskar in Erich Kästners Buch doch gleich die ganze Welt retten. Doch wenn die über 100 Zoodirektoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz nun für drei Tage in der Pfalz zusammenkommen, soll immerhin die Zukunft der Tierparks verhandelt werden.

Ginge es dabei nur um die Zahl der Besucher bei Tiger und Tapir, gäbe es wenig zu besprechen - sie steigt stetig. Fast 70 Millionen Menschen im Jahr gehen in Zoos, Wild- und Tierparks, nicht nur Kinder und ältere Menschen, sondern zunehmend auch junge Paare. Allein die zwölf beliebtesten Zoos haben so viele Besucher wie alle Theater in Deutschland zusammen. Anders als die schönen Künste müssen sich die Zoodirektoren jedoch regelmäßig fundamentaler Kritik erwehren - unter anderem der, schlicht Tierquäler zu sein. Das geschieht nicht so vehement wie in Italien, wo bereits Zoos wegen der heftigen und in Teilen wohl zutreffenden Verbalattacken geschlossen wurden. Doch auch deutsche Tierschützer haben die Einrichtungen für ihre Kampagnen entdeckt.

"Zoos passen nicht mehr in unsere Zeit"

Zoos werben damit, dass sie uns Tiere näherbringen und die Artenvielfalt fördern. Zuletzt tötete ein Besucher ein Nilpferd im Frankfurter Zoo mit einem Tennisball, den er ihm aus Jux in den Rachen warf. Für Zookritiker Colin Goldner ist der Fall nur die Spitze des Eisbergs. Er spricht den Tierparks jeglichen Nutzen ab. Von Markus C. Schulte von Drach mehr ... Interview

So ist eines der großen Themen der Tagung der Erhalt von Tieren. "Die Zoos sind Partner bei Klimawandel und Artenschutz", sagt Julia Kögler vom VdZ, dem ältesten und größten Zooverband. Denn Zoos sind ja längst nicht mehr ein Stück weite Welt in der Heimat. Oft zeigen sie ein Stück weite Welt, die es so gar nicht mehr gibt. Das Goldene Löwenäffchen aus Brasilien, der Rotwolf oder das Wisent wären ohne die Zoologischen Gärten längst ausgestorben. Und die Tierparks von heute haben auch nichts mehr mit den Verwahranstalten früherer Zeiten gemein. Im vergangenen Jahr wurde fast doppelt so viel in neue Gehege, Spielplätze und Restaurants investiert wie noch 2015. Doch in Landau wird auch die Frage sein, wo das hinführen soll.

Geht es nach dem Münchner Freizeitforscher Manfred Zeiner - einem der Referenten in Landau - ist die Richtung klar: "Die Zoos werden zu Freizeitunternehmen." Das Tier ist in Zeiners Vision zwar immer noch der "Taktgeber", aber es müsse "in viel mehr Dimensionen zu erleben sein". Ein gelungenes Beispiel sei die Tropenhalle im Darwineum in Rostock, wo die Besucher durch eine Art Jurassic Park geführt werden. Ein anderes der kleine Tierpark Nordhorn an der niederländischen Grenze, wo man zuschauen kann, wie das Futter zubereitet wird. "Ich muss einfach einen richtig tollen Tag verbringen können", meint Zeiner. Sein Vorbild ist Disneys "Animal Kingdom" in Florida, ein Themenpark mit Achterbahn, Musical und ein paar Tieren dazu.

"Man muss aufpassen, dass man den Zoo nicht dem Zeitgeist unterwirft", sagt hingegen Andreas Knieriem, Chef von Zoo und Tierpark in Berlin. Als der Tierarzt noch den Zoo in Hannover geleitet hat, hat er den zu einem Themenpark umgestalten lassen, in dem man mit Booten herumrudern und einen afrikanischen Sambesi Kraal besuchen kann. "Das Tier ist aber am besten aufgehoben, wenn es so naturnah wie möglich gehalten wird", sagt Knieriem nun. "Das war auch für mich ein Lernprozess.

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