Temperaturrekord Das wärmste Jahr

Männer nutzen die Gunst des warmen Novembers am Genfer See in der Schweiz.

(Foto: AFP)

2015 wird voraussichtlich mit einem neuen Temperaturrekord enden. Die schlechte Nachricht: Der Spielraum für den Klimawandel ist quasi zur Hälfte ausgeschöpft.

Von Christopher Schrader

Hier ein Programmhinweis: In der Zeit um den Jahreswechsel berichten Zeitungen und Fernsehsender über den neuen globalen Temperaturrekord, den das Jahr 2015 erringt. Eigentlich ist es angesichts der Zufälle, die das Wetter steuern, ein großes Wagnis, sechs Wochen vor Neujahr schon von Rekorden zu sprechen. Doch im November 2015 ist die Wahrscheinlichkeit, dass die weltweite Mitteltemperatur den Spitzenplatz der Statistik erreicht, auf mehr als 99,9 Prozent gestiegen. Es würde dann 2014 entthronen.

Der Ausblick beruht auf einer kleinen Rückschau: Der Oktober 2015 war so warm wie noch kein zehnter Monat seit Beginn der regelmäßigen Wetteraufzeichnungen. Die mittleren Temperaturen lagen nach Daten der amerikanischen Behörde für Ozeane und Atmosphäre bei 15 Grad Celsius - fast ein Grad höher als im Durchschnitt des 20. Jahrhunderts. Die japanische Wetteragentur sowie ein Institut der Nasa haben den Spitzenplatz für Oktober bereits bestätigt.

Der November könnte ein deutscher Rekordmonat werden

Die Meldung klingt indes fast wie eine alte Schallplatte mit einem Sprung. Seit Mai geht das schon so, zum sechsten Mal in Folge ist ein Monat wärmer gewesen als alle seine Vorgänger. Das Gleiche gilt für Februar und März. Kein Wunder, dass das angebrochene Jahr in der Statistik weit vorn liegt. "Wir kommen dieses Jahr nahe an eine Erwärmung von einem Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit heran", sagt Wolfgang Lucht vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. "Damit ist der Spielraum für den Klimawandel, den die Welt eigentlich auf zwei Grad begrenzen möchte, bereits halb ausgeschöpft."

Die Delegationen, die sich auf die Reise zum demnächst stattfindenden Klimagipfel in Paris vorbereiten, dürften das aufmerksam verfolgen. Denn die Wärme bestätigt vielen Forschern, dass der von der Menschheit ausgelöste Klimawandel ungebremst voranschreitet. "Gleichzeitig führen das dominierende El-Niño-Ereignis im tropischen Pazifik und die Erwärmung im Indischen Ozean zu den deutlich überdurchschnittlichen Temperaturen", sagt Christiana Lefebvre vom Seewetteramt Hamburg. Das zyklisch auftretende Wetterphänomen El Niño geht mit einer Erwärmung des Meeres einher; in der Folge steigen auch in vielen Ländern der Welt die Thermometer.

Für Anrainer des Pazifiks bedeutet das verschobene Niederschlagsmuster. Amerikas Westküste stehen schwere Stürme und starker Regen bevor. Ecuador hat darum für die kommenden beiden Monate den Ausnahmezustand verkündet. Gleichzeitig leiden Staaten in Asien und Ozeanien unter massiver Dürre. In Indonesien zum Beispiel sind seit Juni 1,7 Millionen Hektar Wald in Flammen aufgegangen, berichtet die Umweltorganisation WWF.

Steigender Meeresspiegel gefährdet 500 Millionen Menschen

Mit detaillierten Karten warnen Forscher vor drastischen Auswirkungen des Klimawandels auf Küstenstädte. Auch Deutschland wäre betroffen. mehr ...

Auf Deutschland wirkt der El Niño nicht direkt, ein Temperaturrekord für das Jahr ist hier praktisch ausgeschlossen. Der November jedoch könnte einen erringen: Er war bislang in Hamburg fünf und in München sogar mehr als sieben Grad wärmer als erwartet. Zwar kommt nun mit Tief Iwan die Kälte. Dennoch spekuliert der Meteorologe Christoph Hartmann auf der Webseite des Deutschen Wetterdienstes: "Wird dieser November der wärmste seit Aufzeichnungsbeginn?" Seine Antwort: "Die Chancen stehen nicht schlecht."