Ein extremer Juli in Deutschland ist noch keine Klimakatastrophe - doch in 100 Jahren könnte dies Normalität sein.
Was das Wetter betrifft, kann man es den Deutschen kaum recht machen. Das zeigt sich schon an der Palette der Begrifflichkeiten, die zur Anwendung kommt, um das meteorologische Geschehen zu kommentieren. Zwischen der "Schafskälte" vom Anfang dieses Jahres bis zur "Schweinshitze" im Juli 2006 liegt nur ein kaum wahrnehmbarer Bereich, der in die Kategorie "Schönes Wetter heute" fällt.
Anzeige
Das überwiegende Unbehagen der Deutschen liegt allerdings weniger in spezifischen Charaktereigenschaften jenes Menschenschlags begründet, der zwischen Isenbruch und Lausitzer Neiße lebt, als in einem unglücklichen Aufeinanderprallen biologischer und geografischer Umstände.
Anders als manche Bakterien oder Reptilien erreicht der Organismus des Menschen nur in einem engen Temperaturbereich knapp unter 20 Grad Celsius einen Zustand voller Zufriedenheit - ein Umstand, der in Mitteleuropa unglücklich mit den Gegebenheiten des so genannten Kontinentalklimas kollidiert.
Heftige Temperaturschwankungen
Dessen herausragendes Merkmal sind heftige Temperaturschwankungen über die Jahreszeiten hinweg. In einem Extremjahr, wie 2006 eines zu werden scheint, kann es passieren, dass sich einem arktischen Winter ein tropischer Juli anschließt.
Reflexartig kommt es in den subjektiv als Extremwetter empfundenen Phasen zu ausufernden Spekulationen um den Klimawandel: sowohl, wenn drei ungewöhnlich kalte Monate aufgeklärte Menschen plötzlich an der globalen Erwärmung zweifeln lassen, als auch, wenn ein heißer Juli Umweltaktivisten dazu anregt, den nahenden Weltuntergang zu verkünden. In beiden Fällen wäre mehr Zurückhaltung geboten.
Die globale Erwärmung ist ein globales Phänomen, ein im Vergleich zu regionalen Wetteränderungen unterschwelliger Vorgang, der sich nicht anhand einzelner Extremereignisse in Mitteleuropa nachweisen oder widerlegen lässt.
Als Deutschland im Januar dieses Jahres unter einem Eispanzer gefror, kämpften die Menschen im arktischen Spitzbergen mit Sturzbächen von Schmelzwasser, die sich dort in einer ungewöhnlichen Wärmeperiode gelöst hatten.
Und während sich die Deutschen an den Extremsommer von 2003 erinnern, hat die Nasa festgestellt, dass weltweit 2005 das bislang wärmste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen war - ein in Deutschland meteorologisch unauffälliges Jahr.
Kein plötzlich erkennbares Phänomen
Der Unterschied zwischen Wetter und Klima lässt sich mit Fußballspiel und Bundesligatabelle vergleichen: Eine starke Mannschaft gewinnt nicht unbedingt jedes Spiel, wird aber - über einen längeren Zeitraum betrachtet - mehr Siege verzeichnen als ein schwächeres Team.
So ist auch der Klimawandel kein plötzlich erkennbares Phänomen, sondern ein beständiger Vorgang, wie ein stark volatiler Börsenkurs, der sich langfristig dennoch in eine Richtung bewegt. Entsprechend wird es für Klimaforscher erst spannend, wenn sie das Wettergeschehen weltweit und über längere Zeiträume hinweg betrachten.
Dann zeigt sich Alarmierendes: Die weltweit fünf wärmsten Jahre seit Beginn der Wetteraufzeichnungen fallen in den Zeitraum von 1998 bis 2005. Auch haben Klimaforscher eine signifikante Zunahme von Extremereignissen, Stürmen, Dürren und Überschwemmungen festgestellt. Das arktische Packeis schmilzt in Rekordtempo.
Drei bis vier Grad wärmer
Dabei hat sich die Lufthülle der Erde im 20. Jahrhundert lediglich um etwa 0,6 Grad erwärmt. Das zeigt, wie heftig sich kleine Änderungen klimatischer Parameter auf die Physik des Planeten auswirken.
Für das 21. Jahrhundert sagen Klimaforscher einen Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur um weitere drei bis vier Grad voraus. Insofern könnte der Juli 2006 doch lehrreich sein: nicht als unmittelbares Symptom des Klimawandels, sondern als Anschauungsbeispiel für die meteorologische Normalität im Europa des Jahres 2100.
(SZ vom 27.7.2006)
Linke mit neuer Führung