Spagyrik/Clustermedizin Vergebliche Suche nach dem "Universalmittel"

Als Begründer der Spagyrik gilt Paracelsus. Die moderne Form des Verfahrens geht allerdings auf den selbstberufenen Wunderheiler Carl-Friedrich Zimpel zurück - und ist genauso fragwürdig wie die mittelalterliche Alchimie.

Von Colin Goldner

Die Spagyrik stellt einen Teilbereich der mittelalterlichen Alchimie dar, eines in sich höchst uneinheitlichen Systems okkulter, orientalisch-mystischer, astrologischer und teilweise auch naturwissenschaftlicher Elemente. Philosophisch besehen ist es aus der Neuplatonik der ausgehenden Antike hervorgegangen.

Auf ihrer Suche nach dem "Stein der Weisen" entdeckten die Alchimisten eine Vielzahl physikalischer und chemischer Zusammenhänge, die den Spagyrikern in ihrer Fertigung von Medikamenten und Tinkturen zugute kamen.

Als eigentlicher Begründer der Spagyrik gilt der Renaissance-Arzt Theophrastus Bombastus von Hohenheim (1493-1541), der, bekanntgeworden unter seinem lateinischen Namen Paracelsus, in Basel und später in Salzburg tätig war.

Paracelsus prägte vermutlich auch den Begriff Spagyrik, der sich aus den griechischen Verben spageín (= trennen) und ageireín (= verbinden) zusammensetzt und auf die besonderen Herstellungsverfahren spagyrischer Heilmittel hinweist:

Zerkleinerte Pflanzenteile werden gereinigt, mit Backhefe vergoren oder mit Weingeist versetzt und kokobiert. Das bedeutet, die Bestandteile werden in geschlossenem Kreislauf wiederholt destilliert, der auf diese Weise "geläuterte" oder "erhöhte" Rückstand wird bei etwa 400 Grad Celsius verglüht, die verbleibende Asche wird in destilliertem Wasser aufgelöst und zuletzt wird das Ganze mehrfach filtriert.

In ähnlicher Weise werden Salze, Metalle, auch Blut, Urin, Kot und andere Körperflüssigkeiten sowie bestimmte Gewebe- und Organteile verascht und in Wasser gelöst. Bei dem aufwendigen und nach verschiedenen Ritualmaßgaben vorgenommenen Prozedere werden kosmozyklische Abläufe - also der Stand von Sonne, Mond und Planeten - streng beachtet.

Die in ganz unterschiedlicher Manier aus den entstehenden Stoffen hergestellten "Urtinkturen" werden in homöopathieähnlicher Weise "potenziert" (= verdünnt) und dem Patienten tropfenweise in Wasser oder auch eingearbeitet in Tabletten verabfolgt. Äußerlich werden sie für Umschläge, Kompressionen und dergleichen verwendet.

Als Wirkträger der Spagyrika gelten nicht die jeweiligen Inhaltsstoffe, sondern die durch das besondere Fertigungsverfahren entwickelten "metaphysischen Kräfte".

Begründet von einem autodidaktischen Wunderheiler

Die "moderne" Spagyrik, wie sie bis heute in Alternativheilkreisen betrieben wird, geht auf den selbstberufenen Wunderheiler Carl-Friedrich Zimpel (1801-1879) zurück - ein Eisenbahnangestellter ohne die geringste medizinische Qualifikation -, der sich autodidaktisch mit Astrologie und verschiedenen Heiltraditionen vertraut gemacht hatte.

Zimpel war besessen von der alchimistischen Idee, ein "Universalmittel" zur Heilung aller Krankheiten und zur Verlängerung des Lebens zu finden. Ungeachtet dessen entwickelte er einundzwanzig aus zahlreichen Einzelkomponenten zusammengesetzte Präparate, die er nach spagyrischer Vorschrift (respektive dem was er dafür hielt) herstellte.

Obleich Zimpel keinerlei Wirkungsnachweis für seine Heilmittel erbringen konnte, fanden diese doch weite Verbreitung. 1925 wurde ein eigenes Pharmaunternehmen zur industriellen Herstellung spagyrischer Heilmittel begründet. Im Dritten Reich wurde die Spagyrik als "Volksheilweise" ausdrücklich gefördert.

Heute sind mehrere hundert Präparate unterschiedlicher Hersteller im Handel, die gegen alles und jedes eingesetzt werden: von Allergien, Arthrosen und Augenenentzündungen über Magen-, Leber- und Nierenerkrankungen hin zu Bluthochdruck, Bronchitis und Rheuma.

Gelegentlich werden Spagyrika auch individuell von Apothekern oder Alternativheilern selbst hergestellt. Wie für Zimperls Originale fehlt auch für die modernen Mittel jeder unabhängige Wirkungsnachweis.

Sonderform Clustermedizin

Eine Sonderform der Spagyrik stellt die sogenannte Clustermedizin dar. Entwickelt von dem schwäbischen Heilpraktiker Ulrich-Jürgen Heinz soll der in Kurzform als "CM" bekannte Ansatz bei allen körperlichen und seelischen Erkrankungen hilfreich sein.

Den Maßgaben des Heilpraktikers zufolge werden verschiedene Proben von Blut, Urin und anderen Körperflüssigkeiten des Patienten über Erhitzung kristallisiert. Aus den dabei entstehenden fraktalgeometrischen Mustern wird ein "numerischer Code" erstellt, der den Patienten in seiner Gesamtheit darstellen soll.

Der "Code" wird nun mit anderen, in einer eigenen Datenbank gespeicherten Kristallisationsmustern verglichen und damit "entschlüsselt", was angeblich Folgerungen auf Krankheiten, organische Störungen, Toxinbelastungen, Vitamin- und Mineralienmangel zulässt. Selbst künftige Erkrankungen, für die es noch keinerlei Anzeichen gibt, seien auf diese Weise erkennbar, heißt es.

Der entschlüsselte "Code" soll zudem die objektive Erkenntnis ermöglichen, welche Heilmittel einzusetzen seien. Über einen Zeitraum von sechs bis zwölf Monaten werden dann spagyrisch hergestellte und homöopathieähnlich aufbereitete Präparate aus Pflanzenteilen, Metallen und Körpersubstanzen wie Kot, Urin, Ohrenschmalz oder Schweiß verordnet, die dem Körper sein "Störprofil" zurückgeben und ihn dadurch zur "Selbstkorrektur" anregen sollen.

In den spagyrischen Präparaten sind angeblich keine Substanzen mehr enthalten sein, sondern, wie es ein einem Lehrbuch heißt, "nur noch die in das Wasser kopierten Informationen. Der Körper wird also nicht mit Substanzen in vorgegebene Reaktionen manipuliert, sondern er bekommt Informationen über seinen eigenen Stoffwechsel geliefert, die er mit seinen eigenen Möglichkeiten und nach eigenen Bedürfnissen dann selbst umsetzt."

Tatsache ist: Es gibt keinerlei unabhängigen Hinweis darauf, dass sich aus der clustermedizinischen Kristallisationsanalyse irgendeine ernstzunehmende Erkenntnis herleiten ließe.

Da das Heinzsche Gesamtverfahren als alleinige Maßnahme auch bei schwerwiegenden Erkrankungen empfohlen wird, besteht die Gefahr massiver Folgeschäden, wenn auf gesicherte Diagnose und Therapie verzichtet wird.

Colin Goldner ist klinischer Psychologe. Er setzt sich seit etlichen Jahren kritisch mit alternativen Heilverfahren auseinander.