Familienaufstellung nach Hellinger Wenn Ahnen krank machen

In Familien herrscht laut Bert Hellinger eine natürliche Ordnung. Verstöße dagegen machen krank. Doch mit Hilfe der Weltseele lässt sich jede Störung aufspüren.

Von Colin Goldner

Zu den Modeerscheinungen der Alternativheilerszene zählt - wenngleich seit geraumer Zeit mit abnehmender Tendenz - die "Familienaufstellung nach Bert Hellinger". Dabei handelt es sich um ein von Fachtherapeuten heftig kritisiertes, äußerst autoritäres Gruppenverfahren.

Der ehemalige Priester einer katholischen Ordensgemeinschaft in Südafrika reist seit Anfang der 1990er umher, um in Großveranstaltungen von nicht selten mehreren hundert Teilnehmern seine selbstentwickelte Variante (vorgeblich) systemischer Therapie vorzuführen.

Hellinger (*1925), der selbst über keine ernstzunehmende Qualifikation als Therapeut verfügt, hat mit seinem Familienstellen allerdings lediglich eine Einzeltechnik aus dem hochdifferenzierten klinischen Kontext der Familientherapie der amerikanischen Therapeutin Virginia Satir herausgebrochen.

Satirs Methode, bei der Patienten ihre Herkunftsfamilie "stellen", dient Therapeuten allerdings lediglich als diagnostisches Hilfsmittel, mit dem versucht wird, die Beziehungen der Betroffenen und der übrigen Familienmitglieder untereinander zu begreifen.

Bei Hellinger wird die Familienaufstellung dagegen wie eine Show aufgezogen und - eingebunden in eine dezidiert esoterische und zugleich erzreaktionäre Weltanschauung - zu einem eigenständigen Therapieverfahren aufgebauscht. Eine Zulassung zur Ausübung der Heilkunde hat Hellinger nicht.

Das Weltbild Hellingers, aus dem sich die theoretische Grundlage seiner Methode herleitet, basiert auf folgender Überlegung: In jedem Sozialgefüge, jeder Familie oder Sippe (wie er es gerne nennt) gebe es eine natürliche Ordnung, in die jedes Mitglied sich widerspruchslos einzufügen habe.

Demnach hat der Mann grundsätzlich Vorrang vor der Frau, das erstgeborene Kind Vorrang vor dem zweitgeborenen. Altvordere sind zu ehren, egal was sie getan oder nicht getan und wie sie sich verhalten haben.

Wurde gegen diese Ordnung verstoßen, etwa dadurch, dass eine Frau sich ihrem Manne gegenüber nicht botmäßig gezeigt hat, wird innerhalb des Systems laut Hellinger ein Mitglied krank. Die Krankheit befällt dabei nicht notwendigerweise die Person, die sich ordnungswidrig verhalten hat, sondern einen beliebigen Symptomträger. Dieser kann selbst einer viel späteren Generationen angehören.

Hellingers Weltbild zufolge könnte etwa eine junge Frau deshalb an Brustkrebs erkrankt sein, weil ihre Urgroßmutter sich vor langer Zeit - ungeachtet der Gründe - von ihrem Urgroßvater getrennt hatte. Nur wenn die rechte Ordnung wiederhergestellt wird, kann sie gesunden.

Diese Wiederherstellung der Ordnung erfolgt nach Hellinger über eine Aufstellung sämtlicher Beteiligter - auch der längst verstorbenen - durch Stellvertreter. In einer Therapiegruppe werden einzelne Teilnehmer gebeten, die zur Rede stehenden Familienmitglieder der ratsuchenden Person sowie diese selbst wie in einem Bühnenschauspiel darzustellen.

Sobald diesen Stellvertretern ihre jeweilige Rolle und Position zugewiesen wurde - ein Teilnehmer spielt etwa die Rolle des Vaters, der nächste übernimmt die des Großvaters, der nächste die es Ur- beziehungsweise Ururgroßvaters etc. - treten sie angeblich in Kontakt zu einem höheren, wissenden Feld, einer Art Weltenseele.

Zugang zu den Gedanken von Toten

Dieses wissende Feld soll ihnen authentischen Zugang zu den Gedanken und Gefühlen der von ihnen repräsentierten Personen geben. (Wie die Verbindung zur Weltenseele beziehungsweise dem Jenseits zustande kommt, bleibt physikalisch allerdings rätselhaft.)

Der Mitspieler also, der die Rolle etwa des im Beispiel angeführten Urgroßvaters übernimmt, bekommt dadurch, dass er auf eine bestimmte Position gestellt wird, angeblich genau die Eindrücke, Empfindungen und Erlebnisse, die der tatsächliche Urgroßvater gehabt habe - und als Toter immer noch habe.

Es könnte sich also zum Beispiel herausstellen, dass der im Grabe liegende Urgroßvater immer noch böse sei auf die Urgroßmutter (was der Stellvertreter irgendwie erfährt). Und das könnte sich wie ein Fluch über die Familie gelegt und letztlich zum Brustkrebs der Urenkelin geführt haben (so die Interpretation des Therapeuten).

Der Aufstellungsleiter gruppiert die Stellvertreter so lange räumlich um, bis sie sich am "rechten Platz" befinden. Dieses Ziel ist erreicht, wenn sie sich als einander in Distanz, Blickrichtung und Augenhöhe "stimmig" zugeordnet empfinden.

Stehen Stellvertreter für nachrangige Personen, lässt der Therapeut sie übergeordneten Personen beziehungsweise deren Stellvertretern gegenüber rituelle Sätze nachsprechen wie "Du bist groß und ich bin klein" oder "Ich gebe Dir die Ehre".

Im genannten Beispiel könnte er die Stellvertreterin der Urgroßmutter anweisen, zu Füssen des Stellvertreters des Urgroßvaters auf die Knie zu gehen und diesem dadurch seine verlorengegangene Position zurückzugeben. Durch derlei Bühnenspektakel wird nach Hellinger innerhalb des Systems die "rechte Ordnung" wieder hergestellt: der böse Fluch löst sich, der Brustkrebs verschwindet.