Akupunktur Die Nadel-Therapie

Wie alle Verfahren der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) soll die Akupunktur die Blockade von Qi-Flüssen in Körper-Meridianen aufheben. Neuere Studien zeigen allerdings, dass es kaum eine Rolle spielt, wohin man pikst.

Von Colin Goldner

Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM), wie sie sich seit Anfang der siebziger Jahre in Europa und den USA verbreitet hat, stellt einen nur minimalen Restbestand an Ideen und Praktiken der tatsächlichen Heilertraditionen Chinas dar.

Diese Traditionen basieren auf regional sehr unterschiedlichem Volksheilwissen, auf taoistischen beziehungsweise konfuzianischen Lehr- und Leitsätzen, Beobachtungen der Natur und vor allem: auf Magie samt ausgeprägtem Geister- und Dämonenglauben.

Im Zuge des erstmaligen breiteren Kontakts Chinas mit dem Westen und westlicher Medizin während der Opiumkriege (1840-1842) waren die Traditionen massiv eingebrochen. 1929 wurde die Ausübung der traditionellen Heilkunde sogar verboten.

In den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde sie im Rahmen der Rückbesinnung auf nationales Kulturgut wieder erlaubt, allerdings in gestraffter, vereinheitlichter und von den groteskesten Auswüchsen magisch-schamanischen Unsinns bereinigter Form.

Bedeutung in China kleiner als westliche Medizin

Während die insofern also neugeschaffene TCM im Westen großen Anklang fand und findet, liegt ihre Bedeutung in China weit hinter der der naturwissenschaftlich orientierten westlichen Medizin - vor allem des Umstandes wegen, dass die TCM deren Erkenntnisse und Errungenschaften schlichtweg ignoriert. Sie dient über den Export einschlägiger Produkte und Dienstleistungen vor allem als willkommener Devisenbringer.

Die "philosophischen Grundlagen" der TCM, wie sie im Westen kolportiert werden, entbehren jeder Plausibilität. In den einschlägigen Publikationen finden sich breitausgewalzt die immer gleichen Behauptungen, die dem Leser alleine dadurch als verifiziert vorgegaukelt werden, dass sie drapiert in chinesische Begrifflichkeit und als Teil "uralter Überlieferungen" daherkommen.

Eine Unzahl an Heilpraktikern, Alternativmedizinern und "Sachbuch"-Autoren fühlt sich berufen, das prinzipiell "andere" Medizinverständnis der TCM zu erläutern. Ohne Kenntnis des Taoismus etwa sei jeder Versuch, TCM verstehen zu wollen, von vorneherein zum Scheitern verurteilt.

In merkwürdigem Kontrast zu dieser Behauptung finden sich in der Literatur allerdings nur abgedroschenste Platitüden zu diesem vorgeblich bestimmenden Wesensgrund:

Yin und Yang

"Der Taoismus geht von der Vorstellung aus, dass alle Gegebenheiten der Welt in einem dynamischen, aber geordneten Zusammenhang stehen. Die beiden wichtigsten Ordnungsprinzipien sind Yin und Yang.

Ursprünglich Bezeichnungen für Licht- und Schattenseite eines Hügels, sind sie Ausdruck für die Polarität aller Naturerscheinungen und Lebensabläufe: Yang ist der jeweils aktive, bewegte und bewegende Aspekt, Yin der statische, bewahrende, verdichtete Aspekt eines Sachverhalts.

Unter dem Einfluss von Yin und Yang entsteht und vergeht alles. Yin und Yang sind Gegensätzlichkeiten, die sich gegenseitig hervorbringen, bedingen, wandeln und zu einer Einheit ergänzen." Yang seien etwa die Sonne, das Männliche, das Warme, das Feuer, die Hohlorgane Magen, Darm, Gallenblase. Yin seien der Mond, das Weibliche, das Kalte, das Wasser, die Speicherorgane Herz, Lunge, Milz.

Besagte Ordnungsprinzipien werden angeblich aufrechterhalten durch den Fluss einer als Qi (bzw. Ki oder Ch'i [sprich: Tschi]) bezeichneten Lebensenergie, die für eine ausgewogene Balance von Yin und Yang sowie den ungestörten Ablauf der elementaren Wandlungsphasen sorgt.

Jedes Lebewesen soll von Qi-Energie durchströmt werden. Diese zirkuliert angeblich in einem an der Körperoberfläche gelegenen Netz sogenannter Meridiane, vergleichbar einem in sich geschlossenen System auf- und absteigender Wasserrohre. Es werden vierzehn ineinander übergehende Hauptmeridiane sowie eine Reihe an Nebenmeridianen unterschieden, die (auf näher nicht erläutertem Wege) mit jeweils zugeordneten Organen oder Funktionskreisen in Verbindung stehen sollen.

Jede Erkrankung zeigt eine Qi-Blockade

Jede organismische Erkrankung oder Funktionsstörung zeigt sich angeblich (noch bevor sie manifest wird) in einer Blockade des Qi-Flusses im entsprechenden Meridian. Umgekehrt löst die Behebung dieser Blockade den Anhängern der TCM zufolge das verursachende (beziehungsweise sich abzeichnende) Problem auf.

Sämtliche Verfahrensformen der TCM zielen auf Diagnose und Behebung ebendieser Qi-Blockaden ab. Zusammenfassend werden sie als "Energiemedizin" bezeichnet.

Zentrale Verfahrensform der TCM - die im Übrigen ein eigenes (und gänzlich unbrauchbares) Diagnosesystem (Puls-/Zungendiagnose) sowie eine je eigene Heilmittel-, Ernährungs- und Bewegungslehre kennt - ist die sogenannte Akupunktur.

Diese beruht darauf, über das Einstechen (lateinisch "pungere") von Nadeln (lateinisch "acus") in bestimmte Meridianpunkte die blockierte Qi-Energie angeblich wieder in Fluss bringen kann. (Der Begriff "Akupunktur" wurde von jesuitischen Missionaren geprägt, die bereits im 17. Jahrhundert das in China als "Zhen Jiu" bekannte Nadelstechen kennengelernt hatten.) Die Begriffe Akupunktur und TCM werden vielfach synonym verwandt.

Auf jeder der erwähnten vierzehn Meridianbahnen soll sich eine Vielzahl an Punkten befinden, die, in Position und Funktion durch "mehrtausendjährige empirische Forschung" exakt festgelegt, gezielt akupunktiert werden könnten.