Tausende Leben können durch neue Organe gerettet werden - doch die Zahl der Spender ist gering. Warum Apelle an die Bevölkerung zu kurz greifen, erläutert Ethnologin Vera Kalitzkus.
Zahlreiche Leben können heutzutage dank Organspenden gerettet werden - medizinisch ist vieles möglich. Trotzdem dümpelt die Zahl der Organspenden in Deutschland auf niedrigem Niveau. Der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) zufolge standen im Jahr 2008 etwa 4000 gespendeten Organen in Deutschland 12.000 Menschen gegenüber, die auf ein Spenderorgan warteten. Zum "Tag der Organspende" am 4. Oktober werden deshalb erneut Rufe nach einer größeren Spendenbereitschaft laut. Vera Kalitzkus erläutert, warum diese Apelle zu kurz greifen. Die Ethnologin mit dem Forschungsschwerpunkt medizinische Anthropologie arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Allgemeinmedizin und Familienmedizin der privaten Universität Witten/Herdecke. Vor kurzem erschien im Suhrkamp-Verlag ihr Buch "Dein Tod, mein Leben. Warum wir Organspenden richtig finden und trotzdem davor zurückschrecken".
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Die lebensnotwendige Spende: Viel Patienten warten jahrelang auf ihr neues Organ. (© Foto: dpa)
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sueddeutsche.de: Frau Kalitzkus, woran liegt die geringe Spendenbereitschaft? Sind wir ein Volk von Egoisten?
Vera Kalitzkus: Fehlende Spenderorgane werden oft als Hinweis darauf gedeutet, dass der Wille fehlt, anderen zu helfen. Ich glaube, dass das bei dieser Thematik zu kurz greift. Bei einer Organspende wird ja - beispielsweise im Gegensatz zur Blutspende - etwas hergegeben, was eine große Bedeutung für das Individuum hat.
sueddeutsche.de: Nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung befürworten 80 Prozent der Deutschen Organspenden - doch nur 17 Prozent haben einen Organspendeausweis. Ist das nicht einfach Gedankenlosigkeit?
Kalitzkus: Natürlich sind viele ein bisschen träge, was das Ausfüllen des Organspendeausweises angeht. Die Diskrepanz zwischen der hohen Zahl der Befürworter in der Bevölkerung generell gegenüber der Zahl der tatsächlichen Organspenden geht denn auch darauf zurück, dass eben meist kein Organspendeausweis vorliegt und daher erst die Angehörigen von plötzlich Verstorbenen über die Organentnahme entscheiden müssen. Sie werden mit einer Problematik konfrontiert, auf die sie nicht vorbereitet sind - und mit einer Form des Todes, die schwer zu verkraften ist.
sueddeutsche.de: Wie sehen diese Bedingungen denn aus?
Kalitzkus: Die Angehörigen werden, wie gesagt, meist mit einem plötzlichen Tod konfrontiert. Sie stehen unter Schock. In diesen Zeitraum fällt dann die Bitte um eine Organspende. In dem Moment, wo klar ist, dass der Patient ein Organspender werden könnte, wird zudem ein großes Aufgebot an pflegerischen und medizinischen Maßnahmen notwendig. Gewebe- und Blutproben müssen entnommen werden. Der Kreislauf muss stabil gehalten werden.
Dann kommen die ganzen organisatorischen Abläufe hinzu: Wo gehen die Organe hin? Wann ist ein OP frei? Die Angehörigen haben nicht mehr die Möglichkeit zu sagen: "Ok, wir sitzen jetzt hier solange am Bett unseres Verwandten wie wir wollen." Denn der Ablauf richtet sich danach, was medizinisch notwendig ist. Es gibt keine Ruhe mehr - und das in einer Situation, in der Angehörige den Tod eines Menschen verkraften müssen.
Hinzu kommt die Problematik, dass ein Organspender zwar hirntot sein muss, aber nicht vollständig verstorben sein darf. Er wird weiterhin beatmet und wirkt dadurch nicht wie ein toter Mensch. Der Hirntod ist nicht sinnlich erfahrbar. Das ist die Kernproblematik für die Angehörigen. Erst nach der Operation bekommen die Hinterbliebenen einen Menschen zu Gesicht, der erkennbar tot ist.
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Mit der Widerspruchsregelung hätten wir warscheinlich nicht den jetzigen Engpass.
Übrigens waren/sind die Unionsparteien politisch an dem Mangel der Spenderorgane verantwortlich. Es gab ja Initiativen hauptsächlich von der SPD die obligatorische Organspende als gesetzten Fall nach dem Tode festzuschreiben, gegen den nur widersprochen werden musste. Wie gesat keine Pflicht.
Doch das wollte die Union nicht mittragen. Die ist für die bewusste Iniative des Einzelnen.
Nur setzt sich kaum jemand solange es ihm gut geht freiwillig mit diesem ernsten und unheimlichen Ängste hervorrufenden Thema auseinander. Statt bewusster Initiative wird das Thema verdrängt. Fehlende medizinische Aufklärung und krude Verschwörungstheorien, wie die Ärzte würden ein Menschenleben für das andere opfern kommen noch dazu. Und nicht zuletzt religiöse Spinner, weigern sich anzuerkennen, daß jedes Leben ein Ende hat und eben das Individuum, bzw. die Person mit dem Hirntod aufhört zu existieren.
Hauptsächlich aber gibt es einen Mangel an Spenderorganen, weil sich die Union mit ihrem Populismus durchsetzte. Wer ein Organ genötigt und keines erhält oder unter langen Wartezeiten leidet und trotzdem Union wählt, ist leider auch hier völlig ahnungslos und uninformiert.
Pauschal unterstelle ich den allermeisten Ärzten keine schlechten Motive, und selbst bei den Transplantationsmedizinern mag es etliche geben, für die das üppige Honorar nicht die Haupttriebfeder zum Explantieren ist.
Was man aber immer wieder hört, ist, daß sogar unter Ärzten die Transplantationsmedizin einen sehr schlechten Ruf genießt, was ich ohne weiteres auf das völlige Ignorieren des lebendigen Zustands der jeweilig explantierten Körper und den erkennbaren (Schock-) Reaktionen sowie den oft schmerzverzerrten Gesichtern der "Leichen" zurückführen würde.
Von den grauenhaften Verbrechen, vor allem an Kindern, die in anderen Ländern ausgeführt werden, um am lukrativen Organhandel teilnehmen zu können, sei dabei nicht einmal gesprochen.
Gut, dann sind wir uns ja vom äußerlich Sichtbaren her in den wesentlichen Punkten einig. Meine Schlußfolgerungen daraus sind aber aus den angeführten Gründe völlig andere als die Ihren.
Wir werden uns da gegenseitig nicht überzeugen können, also lassen wir es als unterschiedliche Meinungen einfach so stehen. Das ist o.k. so.
Vielen Dank, Engel_Katharina, Sie zeigen viel Einfühlungsvermögen.
Schmitt-Urbar, ich habe mir die Seite der Interessengemeinschaft Kritische Bioethik
mal angeschaut. http://www.kritischebioethik.de/deutschland_literatur-organspende-hirntod.html
Sie hatten sich über den einseitigen Charakter des SZ-Artikels beschwert, aber die Einseitigkeit der Literaturliste mit so reisserischen Titeln wie "Sterben auf Bestellung" scheint Sie nicht zu stören?
Ich möchte auch ganz generell mal einen Kommentar abgeben, dass ich es schockierend finde, welche schlechten Motive Aerzten unterstellt werden. Vertrauen zum Arzt ist etwas elementar wichtiges für unsere Gemeinschaft, ohne dieses würde unser Zusammenleben nicht funktionieren.
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