SZ Wissen: Was halten Sie von der Luststeigerung mit der Hilfe psychogener Substanzen?

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Kanitscheider: Ich rate zur Vorsicht. Zwar können Drogen Lust verschaffen, aber zum hedonistischen Prinzip gehört auch, dass man auf seinen Körper achtet. Ich sage immer: Behandelt euren Körper wie eine biologische Stradivari. Spielt mit ihr, holt alle Lust aus ihr, aber zerstört sie nicht!

Allerdings denke ich, dass jeder Mensch das für sich selbst entscheiden muss. Wenn jemand der Ansicht ist, dass er für lustvolle Drogenerlebnisse eine Verkürzung der Lebenszeit in Kauf nimmt, sollte er das tun dürfen. Der Staat verbietet ja auch niemandem, dass er die Matterhorn-Nordwand im Winter durchsteigt.

SZ Wissen: Und wenn es eine gesundheitlich unbedenkliche Glücksdroge gäbe?

Kanitscheider: Ich hätte ein bisschen Sorge, dass Menschen in solche Drogen flüchten, um der Realität und der Arbeitswelt zu entfliehen. Wenn jemand die Kontrolle behält, hätte ich wenig dagegen einzuwenden. Natürlich bestünde die Gefahr einer psychischen Abhängigkeit, aber Sex macht auch süchtig. Ich wäre bereits jetzt für die Freigabe von LSD etwa in Altenund Pflegeheimen, wo viele Menschen keine Möglichkeiten mehr haben, auf die üblichen Weisen Freude zu erleben.

SZ Wissen: Ist in Ihrer Ethik etwa alles erlaubt?

Kanitscheider: Eben nicht, weil auf die empirische Natur des Menschen Rücksicht genommen werden muss, und die ist nicht beliebig. Zudem auch, weil es ja um das größtmögliche Glück für die größte Zahl geht oder um das geringste Leid für die Gesamtheit. Es wäre umgekehrt schrecklich, wenn unsere Ethik davon abhängen würde, dass Gott existiert. Dann würde bei jedem Zweifel am metaphysischen Überbau auch die Ethik brüchig.

Eine naturalistische Ethik dagegen ist kompatibel mit den Eigeninteressen der Menschen, sie ist spieltheoretisch begründbar und hat wahrscheinlich auch Grundlagen in der Natur des Menschen. Ich finde es seltsamer, wenn man seinen Nachbarn nur deshalb nicht bestiehlt, weil das so in den zehn Geboten der Bibel steht. Viel einsichtiger wird diese Regel, wenn man verstanden hat, dass ohne Diebstahl jeder besser lebt.

SZ Wissen: Immerhin deutet manche Studie darauf hin, dass Gläubige häufig eine hohe Lebenszufriedenheit haben.

Kanitscheider: Wenn sie einen festen Glauben haben, mag das manchmal so sein. Fatal wäre es allerdings, wenn jemand streng nach dem lustfeindlichen Katechismus der katholischen Kirche lebt, irgendwann vom Glauben abfällt und zu spät erkennt, was ihm an Lebensfreude entgangen ist.

SZ Wissen: Kann es Menschen nicht auch überfordern, dauernd glücklich zu sein?

Kanitscheider: Hedonismus ist doch kein Leistungssport, bei dem alle immer lächeln müssen. Das Ziel ist nur, dass man mit seiner emotionalen Gesamtbilanz zufrieden ist. Ich stelle mir vor, dass ich im Alter vor meinem Haus in der Sonne sitze und mir sage: Ich habe nichts wirklich Unsinniges gemacht, ich habe meine Potenziale genutzt, ich habe ein gelungenes Leben gelebt.

SZ Wissen: Das klingt fast zu idyllisch.

Kanitscheider: Es kann natürlich immer die Kontingenz des Universums dazwischenkommen, sei es eine Krankheit oder ein Unfall. Deshalb plädiere ich dafür, rechtzeitig mit einem freudvollen Leben zu beginnen, wie es Epikur vor 2400 Jahren gelehrt hat.

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(SZ Wissen, Ausgabe 11/2008/gal)