Syrien-Krieg Globaler Saatgut-Tresor wird erstmals benötigt

Der "Global Seed Vault" auf Spitzbergen: In dem Bunker werden fast 900 000 Proben von Kulturpflanzen aufbewahrt.

(Foto: Global Crop Diversity Trust)

Im ewigen Eis Spitzbergens lagern Samen von Kulturpflanzen aus allen Winkeln der Erde. Jetzt wird der Tresor geöffnet: der Syrien-Krieg ist schuld.

Von Christoph Behrens

In Spitzbergen befindet sich die Backup-Festplatte der globalen Ernährung. Tief im Inneren eines Berges, umhüllt von Permafrost, lagert auf der norwegischen Insel die größte Saatgut-Sammlung der Welt. Geschützt vor Hitze, Naturkatastrophen und Kriegen sollen im "Svalbard Global Seed Vault" mehr als 860 000 Samen von Kulturpflanzen aus so gut wie jedem Land der Erde die Jahrhunderte überdauern. "Die ultimative Versicherungspolice für die Nahrungsversorgung der Welt", so umschreiben die Vereinten Nationen die Funktion der Bank.

Gerade läuft die erste Abhebung ihrer Geschichte. Schuld ist der Bürgerkrieg in Syrien, wo die Kämpfe nicht nur Menschenleben und Kulturgüter, sondern auch die Samenbank Aleppos gefährden, die hitzeresistente Getreidesorten des Nahen Ostens aufbewahrt. Zwar schaffte es das Institut selbst bislang weitgehend unbeschadet durch den Krieg. Doch können die Wissenschaftler wegen der Gefahren die kostbaren Proben nicht mehr an Züchter und Forscher weitergeben; die wichtige Rolle als Verteilknoten in der Region ist somit verloren. Das Internationale Zentrum für Agrarforschung in trockenen Regionen (ICARDA) mit Sitz in Beirut fordert daher rund 130 ihrer 325 Kisten aus Spitzbergen zurück.

Mit dem Saatgut sollen neue Sammlungen aufgebaut werden

Man arbeite daran, das von ICARDA eingelegte Saatgut zurückzugeben, bestätigt die UN-Organisation "Crop Trust", die das Depot in Norwegen verwaltet. Rund 116 000 Proben, hauptsächlich Weizen, Gerste und Kichererbsen, sollen aus dem Bunker geholt werden. "Die Sicherheitsvorkehrungen dafür werden gerade getroffen", sagt Brian Lainoff, Sprecher von "Crop Trust". Die Idee sei, die Saaten in den Libanon und nach Marokko zu schicken. Dort wollen ICARDA-Forscher die Samenkörner pflanzen und aus den Gewächsen neue Sammlungen für die arabische Welt aufbauen - ein Backup vom Backup also.

Diese Sammlungen vor Ort sind äußerst gefragt. Im Gegensatz zu dem Bunker in Norwegen sind sie nicht ausschließlich zur Sicherung des genetischen Materials gedacht, sondern sorgen auch für dessen Weitergabe. Sieben solcher "aktiven" Gen-Banken existieren weltweit, in den vergangenen 25 Jahren verteilten sie rund eine Million Proben an Wissenschaftler, Züchter, Bauern in 191 Staaten. Der Ausfall der syrischen Zweigstelle ist daher ein großer Verlust. Wegen der Kämpfe verlegte die ICARDA bereits 2012 ihr Hauptquartier von Aleppo nach Beirut im Nachbarland Libanon. Bewaffnete Milizen hatten die Felder besetzt, auf denen die Wissenschaftler Saatgut produzierten.

Die aus Spitzbergen angeforderten Proben sollen nach ihrer Vervielfältigung am Ende dorthin wieder zurückkehren. Wie lange das dauert, weiß keiner. "Möglicherweise bis zu zehn Jahre", schätzt Lainoff. Angst um die Bestände haben die Getreidebanker nicht. Für Lainoff zeigt die Abhebung, "dass die Sammlung ihren Zweck erfüllt".

"Ein solches Lager ist eine fundamentale Ressource für unser Überleben"

Es ist der wohl nachhaltigste Job überhaupt: Ola Westengen kümmert sich um das Nahrungs-Back-up unseres Planeten. Er lagert Saatgut aus aller Welt in einem Bunker im Permafrost von Spitzbergen. mehr ... jetzt.de