Supervulkane Ein Knall, der Erdteile verwüstet

Forscher halten den Ausbruch eines Supervulkans noch in diesem Jahrhundert für durchaus realistisch. Allein in Europa warten zwei gigantische Vulkane auf die nächste Eruption.

Von Von Axel Bojanowski

Besser hätte sich kein Drehbuchautor das Szenario ausdenken können: Aus heiterem Himmel bricht ein Vulkan aus, an einer Stelle, die niemand für gefährlich gehalten hat. Die Gewalt der Eruption sprengt alle Erfahrung. Millionen Menschen sterben, halbe Erdteile versinken in der Asche, das Klima verändert sich auf Jahre hinaus, die Welt muss Flüchtlingsströme und Hungersnöte verkraften.

Diese größte Naturgefahr ist nahezu unsichtbar. Kein Vulkankegel verrät die so genannten Supervulkane, die unter allen Kontinenten schlummern. Menschen fühlen sich sicher, denn Ausbrüche sind selten. Deshalb hat jetzt die Geological Society of London im Auftrag der britischen Regierung ein Gutachten erstellt - mit Besorgnis erregendem Ergebnis. Allein in Europa warten zwei gigantische Vulkane auf den nächsten Ausbruch. Die Forscher wollen nun ein internationales Überwachungsnetz knüpfen, um wenigstens rechtzeitig warnen zu können.

Zweimal hat die Menschheit bereits den Ausbruch eines Supervulkans erlebt. Vor 26500 Jahren explodierte der Taupo auf Neuseeland. Und der Ausbruch des Toba auf Sumatra vor 74000Jahren verdunkelte die Erde sechs Jahre lang. Der folgende "Vulkanische Winter" hat die Vorfahren der heutigen Menschen genetischen Untersuchungen zufolge auf 5000 bis 10000 Überlebende dezimiert - Homo sapiens wäre fast ausgestorben.

Supervulkane spucken sehr schnell außergewöhnlich große Mengen Magma und Gase. Ihre Aschemenge würde Deutschland etwa vier Meter hoch bedecken. Eine wissenschaftlich exakte Definition für die gefährlichen Schlote ins Erdinnere gibt es allerdings nicht. Den Begriff "Supervulkan" hat die Fachliteratur erst vor etwa zehn Jahren aus Medienberichten übernommen.

Den britischen Forschern zufolge speien Supervulkane wenigstens 100-mal so viel Material aus wie der amerikanische Mount St.Helens im Jahre 1980. Diese Definition erfüllt jedoch auch der Tambora-Ausbruch 1815. Der Vulkan auf der indonesischen Insel Sumbawa spuckte etwa 300-mal so viel Material aus wie der Mount St.Helens und verursachte 1816 das "Jahr ohne Sommer".

Bei echten Supervulkanen kommt noch eine Besonderheit dazu: Sie sind an der Oberfläche kaum auszumachen, denn sie werfen keinen Vulkankegel auf. Nach einem Ausbruch stürzt die Erdkruste ein, zurück bleibt ein großes Becken. Wer dies erkennt, vermag sich viele geologische Besonderheiten zu erklären. So hatten sich Geologen etwa im Yellowstone-Nationalpark in den USA lang über die schwefeligen Heißen Quellen gewundert. Erst mit Hilfe von Satellitenbildern wurde klar, dass der Park aus einem eingestürzten Supervulkan besteht.

In Europa meinen die britischen Geologen, zwei Supervulkane identifiziert zu haben: Unter den Phlegräischen Feldern bei Neapel und im östlichen Mittelmeer nahe der Insel Kos. Auch unter Neuseeland, Kamtschatka, den Philippinen, den Anden, Mittelamerika, Indonesien und Japan vermuten Experten die Naturgefahr. Supervulkane verfügen über ein riesiges Magma-Reservoir mit einer Ausdehnung von Tausenden Quadratkilometern, die sich typischerweise in fünf bis zwanzig Kilometern Tiefe erstrecken.

Diese Magmakammern entstehen dort, wo eine Erdplatte ins Erdinnere abtaucht: Die Platte verliert in der Tiefe ihre wasserhaltigen Minerale, das Wasser quillt empor und wandelt darüber liegendes Gestein zu Magma. Je zäher das Magma, umso seltener kommt es zu Ausbrüchen - dadurch nimmt der Druck immer weiter zu. Manche Supervulkane bilden sich auch dort, wo "Schläuche" zähflüssigen Gesteins aus dem Erdmantel an die Oberfläche drängen. In Kontakt mit dem Granit der Erdkruste bildet sich sehr explosives Magma.

Die Magmakammer des Yellowstone dehnt sich über ein Gebiet von der doppelten Größe Luxemburgs. Das Magma dringt langsam nach oben und schmilzt die Erdkruste auf; ein Ausbruch erscheint möglich. Etwa alle 700000 Jahre kommt es dort zur Katastrophe, die letzte große Eruption liegt 640000 Jahre zurück. Satellitenbeobachtungen zeigen, dass sich der Park wie eine Blase aufwölbt - etliche Millimeter im Jahr. Der Druck der unterirdischen Magmakammer mache sich immer deutlicher bemerkbar, sagt der Geologe Robert Smith von der Universität von Utah in Salt Lake City.

Ein Ausbruch würde den Westen der USA wohl total verwüsten. Im Umland des Vulkans vernichteten 800 Grad heiße Glutlawinen aus Lava, Asche und Steinen alles Leben auf einer Fläche von der Größe Thüringens. Noch im 1000 Kilometer entfernten Los Angeles ginge ein Regen nieder, der die Region 30 Zentimeter dick mit Asche bedeckte. "Das öffentliche Leben dort und in vielen anderen Metropolen wäre lahm gelegt", sagt Gefahrenforscher Bill McGuire vom Londoner University College: Flughäfen, Bahnen, Autoverkehr, Elektrizitätswerke, Lebensmittellieferungen und Mobiltelefone stünden still.

Landwirtschaft wäre vielerorts unmöglich, prognostizieren die Wissenschaftler um Steve Sparks und Stephen Self von der britischen Geologischen Gesellschaft. Bereits eine Ascheschicht von einem Zentimeter vernichtet den Ernteertrag eines Feldes. Der Toba-Ausbruch vor 74000 Jahren legte 15 Zentimeter dicke Asche über Indien und Südchina - heute wären dort mehr als eine Milliarde Menschen betroffen.

Auch das Klima würde gravierend verändert. Milliarden Tonnen des Gases Schwefeldioxid gelangten in die Luft und verbänden sich mit Wasser zu Schwefelsäure. Wolken aus Säuretröpfchen legten sich wie ein Sonnenschirm um den Globus. Die Temperaturen fielen für Jahre um durchschnittlich vier Grad. Auf der Nordhalbkugel sei gar eine Abkühlung von bis zu zehn Grad möglich, heißt es in dem Gutachten, das sich auf Computersimulationen des renommierten Hadley Centers beruft. Dessen Klimamodelle speisen sich aus Daten über die Eruption des Pinatubo auf den Philippinen 1991, als die Temperaturen im folgenden Jahr weltweit um durchschnittlich ein halbes Grad gefallen waren.

Ein Erwachen ohne Vorankündigung

Wann wird das Horrorszenario Wirklichkeit? Aus der Häufigkeit der Eruptionen in der Vergangenheit leiten die britischen Forscher das Risiko ab: Demnach beträgt die Wahrscheinlichkeit für den Ausbruch eines Supervulkans in diesem Jahrhundert 1 zu 6. Ein Gigant wie der Toba explodiere aber nur alle 500000 Jahre, schreiben die Geologen - doch auch ein solcher Ausbruch ist jederzeit möglich.

Wie sich die Apokalypse ankündigen würde, wissen die Wissenschaftler nicht. Meist gehen Erdbeben den Vulkaneruptionen voraus, ausströmende Gase verändern sich, die Temperaturen des Erdbodens steigen, und der Boden wölbt sich. Die Supervulkane Phlegräische Felder und Yellowstone werden bereits auf diese Anzeichen hin überwacht. Ob es etwas nützt, bleibt fraglich. Denn die schlafenden Riesen erwachen womöglich auch ohne Vorankündigung und explodieren mit einem plötzlichen Knall.

Die britischen Geologen fordern nun internationale Anstrengungen, um der Gefahr vorzubeugen. Die Supervulkane müssten besser untersucht und überwacht werden. Zudem gelte es, Katastrophenpläne zu erstellen, um im Notfall auf Millionen Flüchtlinge und Nahrungsknappheit vorbereitet zu sein. Das Gutachten dürfte die Supervulkane jedenfalls ins Interesse der Öffentlichkeit rücken. So wird der Thriller zum Thema wohl nicht lange auf sich warten lassen. Der Untertitel könnte lauten: Eine wahre Geschichte, die erst noch passiert.