Von Von Wiebke Rögener

Bald soll es Ärzte für Tabakentwöhnung geben - denn vielen Rauchern reichen schon kurze Ermahnungen.

Raucher sind todesmutig, aber geizig. Das könnte man aus der Tabaksteuererhöhung schließen. Denn die fatalen Folgen des Tabakqualms auf die Gesundheit schrecken hartnäckige Raucher kaum. Ein Preisanstieg von wenigen Cent pro Zigarette dagegen soll mehr als die Hälfte aller Raucher zum Nachdenken gebracht haben. Manche haben nach der Tabaksteuererhöhung vom 1. März das Rauchen sogar ganz aufgegeben.

Viele Raucher möchten gerne aufhören - manchen würden mahnende Worte schon genügen.

Viele Raucher möchten gerne aufhören - manchen würden mahnende Worte schon genügen. (© Foto: dpa)

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Damit die Trennungswilligen auch von ihrem Laster loskommen, will die Bundesärztekammer helfen. Im kommenden Jahr startet sie ihr Fortbildungsprogramm "Tabakentwöhnung", das Ärzte binnen 20 Stunden zu Tabakabstinenzberatern machen soll.

"Dabei soll es darum gehen, wie der Arzt Gefahren des Rauchens richtig anspricht, wie er den Patienten zum Aufhören motiviert, welche Medikamente den Entwöhnungsprozess unterstützen können und wie man mit Rückfällen umgeht", sagt Wilfried Kunstmann, Fortbildungsreferent der Bundesärztekammer. Die meisten Raucher brauchen nämlich mehr als einen Anlauf, um dem blauen Dunst zu entsagen. Der belesene Rückfällige zitiert dann gern Mark Twain: "Es ist ganz leicht, sich das Rauchen abzugewöhnen; ich habe es schon hundertmal geschafft."

Ausreden für Raucher

Auch die Wissenschaft hält neuerdings Ausreden für hartnäckige Raucher bereit. Ein Gen verschlimmere die Tabaksucht, fand ein internationales Forscherteam um Henry Lester vom California Institute of Technology in Pasadena. Wenn bei Mäusen das Gen für eine Nikotin-Antenne im Gehirn verändert ist, werden diese besonders leicht nikotinsüchtig (Science, Bd. 306, S. 1026, 2004).

Möglicherweise sind also auch beim Menschen genetische Unterschiede in den Nikotin-Rezeptoren verantwortlich dafür, dass mancher Kettenraucher bleibt.

Damit am Ende aber nicht nur die gute Ausrede sondern der erfolgreiche Ausstieg steht, brauchen viele Nikotinabhängige professionelle Unterstützung. Schon eine einzige Beratung beim Arzt hat einen Effekt, so Studien. Zwei bis drei von hundert Rauchern geben bereits nach kurzen Ermahnungen ihres Arztes das Rauchen auf.

Sprechen Ärzte mehrmals intensiv mit ihren Patienten, steigt die Zahl der Aussteiger. Verhaltenstherapien, Selbsthilfegruppen oder telefonische Raucherberatungen verzeichnen ebenfalls Erfolge. Akupunktur dagegen wird zwar vielfach als Hilfe gegen die Nikotinsucht angeboten, doch ließ sich der Effekt der feinen Nadelstiche bisher nicht zweifelsfrei belegen (Cochrane Review, Bd. 4, 2004).

Pille mit erheblichen Nebenwirkungen

"Wissenschaftlich nachgewiesen ist dagegen die Wirksamkeit von Ersatzpräparaten wie Nikotinpflastern oder -kaugummis", so Wilfried Kunstmann. Besonders gut funktioniert die Entwöhnung im Kombipack: Wer Nikotinpflaster verwendet und außerdem an einer Verhaltenstherapie teilnimmt, habe fast doppelt so gute Chancen, dauerhaft mit dem Rauchen aufzuhören, wie mit einer der beiden Maßnahmen allein, schreibt das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) in seinen "Handlungsempfehlungen für eine wirksame Tabakkontrollpolitik in Deutschland".

Wirksam ist auch das Medikament Bupropion, vertrieben unter dem Namen Zyban. Doch auf die Euphorie über die Antiraucherpille, die seit 2000 auf dem deutschen Markt ist, folgten bald Berichte über erhebliche Nebenwirkungen - von Mundtrockenheit bis zu epileptischen Anfällen.

Im Sommer 2004 meldete die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft außerdem, dass es nach Einnahme von Zyban gehäuft zu Suizidversuchen kam. Da Nikotinpräparate weniger Risiken bergen, solle Zyban nur noch nach sehr kritischer Prüfung eingesetzt werden, empfahl die Kommission (Deutsches Ärzteblatt, Bd.101, S.A2139, 2004).

Dennoch setzen einige Forscher auf ein ähnliches Medikament. Das Antidepressivum Nortriptylin kann ebenfalls helfen, dem Entschluss zum Nichtrauchen treu zu bleiben. Wissenschaftler der University of Colorado testeten jetzt die Wirksamkeit: 160 Raucher erhielten als Ausstiegshilfe Nikotinpflaster, die Hälfte der Teilnehmer zusätzlich Nortriptylin.

In dieser Gruppe war ein halbes Jahr nach dem Ausstieg fast jeder Vierte noch immer Nichtraucher, ohne das Anitdepressivum hielt nur jeder Zehnte so lange durch. Allerdings hatte Nortriptylin häufig Nebenwirkungen wie Schläfrigkeit und Mundtrockenheit (Archives of Internal Medicine, Bd.163, S.2229, 2004).

Die Bundesärztekammer hofft mit ihrem Programm, Menschen aller Schichten zu erreichen. Denn in die Rauchentwöhnungskurse, die etwa von den Krankenkassen angeboten werden, kommen vor allem Mittelschichtfrauen und kaum sozial Benachteiligte. Dabei wird gerade in diesen Bevölkerungsgruppen besonders viel geraucht. Dass Menschen mit niedrigem Einkommen im Durchschnitt früher sterben, liegt laut DKFZ vor allem am Zigarettenkonsum.

"Diese Menschen gehen allemal eher zum Arzt als in eine Selbsthilfegruppe", glaubt Wilfried Kunstmann. Auch das DKFZ empfiehlt den Kassen daher, die Kosten für ärztliche Hilfe bei der Tabakentwöhnung zu übernehmen. Die mangelnde Unterstützung ist nach Auffassung des DKFZ eine Ursache dafür, dass relativ wenige Raucher den Ausstieg proben: Nur 43 Prozent von ihnen haben hierzulande schon ernsthaft versucht, den Tabakkonsum aufzugeben. Dabei wären die allermeisten Raucher gerne ihre Sucht los.

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(SZ vom 3.12.2004)