Sturmflut Wenn der Sturm den Ozean verformt

Das Wasser fließt von Floridas Küste weg.

(Foto: AFP)

Hurrikan "Irma" war zeitweise so gewaltig, dass er das Wasser von den Küsten wegtrieb - und eine Art Watt-Landschaft hinterließ. Ein seltenes Phänomen.

Von Marlene Weiß

Vor allem Twitter war über das Wochenende voll von seltsamen Bildern. Etwa von den Bahamas: Dort, wo normalerweise der Ozean ist, tat sich am Samstag plötzlich eine Art Watt-Landschaft auf, nichts als Schlamm, so weit das Auge reicht. Das Wasser? War einfach weg, als hätte jemand den Stöpsel gezogen. Ähnliche Bilder gab es später von Floridas Westküste. Schiffe lagen auf dem Trockenen oder hingen hilflos schief an Stegen fest. Auch in der Bucht von Tampa verschwand das Wasser, als sei es wie so viele Anwohner auf der Flucht vor dem nahenden Hurrikan Irma.

Das bizarre Phänomen ist ungewöhnlich, aber für Meteorologen eigentlich nichts Neues - zumindest theoretisch. "Als Meteorologe lernt man Dinge in Büchern, die man vielleicht nie selbst sehen wird", schrieb die Meteorologin Angela Fritz in der Washington Post. "Man weiß, dass sie theoretisch passieren, aber die Chancen, die seltsamsten Wetterphänomene zu beobachten, sind verschwindend gering. Das hier ist eines davon."

Irmas Winde treiben das Wasser mit solcher Gewalt vor sich her, dass sie einen ganzen Ozean verformen. Wie bei jedem Sturm auf der Nordhalbkugel drehen diese Winde sich gegen den Uhrzeigersinn um das Zentrum - das liegt an der Erdrotation. Dort, wo Irma sich nordwärts bewegt, kündigt der Sturm sich demnach mit starken Ostwinden an. An Floridas Golfküste wehen solche Winde weg vom Ufer, sie treiben das Wasser fort von der Küste hinaus in den Golf von Mexiko.

Florida, vom Sturm gebeutelt

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Der ungewohnt weite, freie Ozeanboden scheint eine magische Anziehungskraft auszuüben, und er strahlt eine trügerische Sicherheit aus. Wo das Meer sich zurückzog, bevor der Sturm kam, begannen Menschen, trotz des drohenden Unwetters unbekümmert auf dem freigelegten Meeresboden herumzulaufen, mit Rädern herumzufahren und sich gegenseitig zu fotografieren. In Tampa räumten schließlich Polizisten den Strand.

In Tampa vertrieben Polizisten Schaulustige, die den Golf ohne Wasser sehen wollten

Denn das Wasser mag weit weg erscheinen - verschwunden ist es nicht. Wenn der Sturm weiterzieht, drehen sich die Winde, an der Südseite des Auges weht der Wind nach Osten. Das Wasser kann binnen Minuten mit Wucht zurückkommen. Und wenn es wiederkommt, reicht es unter Umständen nicht, schnell auf die Strandpromenade zu klettern: Treibt der Wind das Wasser dann plötzlich auf das Land zu, rollt eine Art Tsunami-Welle auf Küstenstädte zu, die mehrere Meter hoch sein kann, plus zusätzliche, windgepeitschte Oberflächenwellen.

Solche Flutwellen sind nach den direkten Windschäden meist die größte Gefahr für Leben, Güter und Infrastruktur, die Hurrikans mit sich bringen. Die Behörden waren darum wenig begeistert von den Wattwanderern. "GEHEN SIE WEG VOM WASSER!", schrieb das National Hurricane Center (NHC) am Sonntagnachmittag unmissverständlich auf Twitter, in Großbuchstaben, und warnte vor einem rasanten Wasseranstieg an Floridas Südwestküste. Der National Weather Service gab eine Flutwarnung für die Region heraus, mit der Aufforderung, sofort "vertikal zu evakuieren".

In Louisiana wäre die Flutwelle noch deutlich höher ausgefallen

Dass es letztendlich trotz allem nicht ganz so schrecklich wie zunächst befürchtet kam, lag auch daran, dass das Auge des Hurrikans sich einige Dutzend Kilometer weiter östlich bewegte als ursprünglich angenommen. Zeitweise hatte man erwartet, dass es knapp vor Floridas Westküste über das Meer ziehen würde. Dann wäre der Sturm zum einen länger über Wasser geblieben, sodass ihn der aus dem warmen Golf von Mexiko aufsteigende Wasserdampf weiter angetrieben hätte. Stattdessen schwenkte er auf eine Landbahn ein, auf der er schnell an Kraft verlor .

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Zum anderen ist die Gewalt, mit welcher der Wind das Wasser auf das Land treibt, bei einem Sturm unmittelbar vor der Küste naturgemäß größer, als wenn der Hurrikan über Land hinwegzieht. Dann peitschen nur die Ausläufer des Sturms das Wasser auf, und nicht die Winde der gefürchteten "Eyewall", der Bereich rund um das nahezu windstille Auge, in dem die extremsten Bedingungen herrschen. Das Ergebnis war jedoch immer noch heftig genug: An Floridas Atlantikküste bei Miami stieg die Flut am Sonntag rund einen Meter höher als üblich. Als das Wasser an der Westküste am Sonntagabend zurückkehrte, schoss der Pegel bei Naples am Golf binnen drei Stunden um rund drei Meter in die Höhe, die Flut fiel etwa 1,5 Meter über normal aus und überschwemmte die Innenstadt.

Wie hoch das Wasser letztlich steigt, hängt dabei nicht nur von der Wucht des Sturms ab, sondern auch von der Gestalt des Meeresbodens. Fällt das Land vor der Küste eher steil ab, türmt sich die Flutwelle weniger hoch auf als bei einem sehr ausgedehnten, flachen Kontinentalschelf. Noch ein bisschen Glück im Unglück: Ein Sturm gleicher Stärke könnte deshalb laut der US-Wetterbehörde NOAA etwa an Louisianas flacher Küste sogar rund doppelt so hohe Wasserstände produzieren wie an Floridas Südostküste.