Politische Bildung Migrantenkinder wissen über Demokratie Bescheid

Jugendliche mit Migrationshintergrund sind genauso gut informiert wie deutsche, wenn es um Demokratie, Meinungs- und Religionsfreiheit geht. Was sie von den deutschen Werten und Gesetzen halten, bleibt allerdings unklar.

Während noch darüber gestritten wird, wie integrationswillig Migranten in Deutschland sind, wirft eine Studie mehrerer deutscher Universitäten Licht auf einen wichtigen Aspekt der Debatte. Wenn es um die Demokratie geht, dann wissen Jugendliche mit Migrationshintergrund genauso gut Bescheid wie ihre deutschen Altersgenossen.

Jugendliche mit Migrationshintergrund wissen genauso gut Bescheid über Demokratie, Menschenrechte und Religionsfreiheit wie ihre deutschen Altersgenossen.

(Foto: dapd)

Ihr Ergebnis hat die Forscher aus Würzburg, Hamburg und Mannheim selbst überrascht. Kürzlich erst hatten sie festgestellt, dass es bei Grundschülern hier große Unterschiede gibt.

1500 Sechstklässler aller Schulformen aus Bayern und Hamburg hatten die Forscher einem Wissenstest mit Fagen zum Thema Demokratie unterzogen. Dabei überprüften sie formales Wissen wie die Häufigkeit von Bundestagswahlen, die Meinungs- und die Religionsfreiheit. Bewertet wurde auf einer Skala von 0 (kein Wissen) bis zehn (hohes Wissen). Den mit Abstand größten Teil der Probanden stellten Hauptschüler (40 Prozent ), auf das Gymnasium gingen lediglich 8,6 Prozent.

Jugendliche mit Migrationshintergrund erreichten auf der Skala einen Durchschnitt von 6,2 Punkten, deutsche Jugendlichen nur 0,1 Punkt mehr. "Dieser Unterschied ist im statistischen Sinn völlig unbedeutend", erklärt Heinz Reinders von der Universität Würzburg das Ergebnis. Und obwohl Jugendliche türkischer Herkunft in der neuesten Pisa-Studie besonders schlecht abschneiden, erreichen sie hier einen ähnlich hohen Wert von 6,1. Lernen könnten die Jugendlichen noch viel über Demokratie, kommentiert Reinders die Daten. Doch das gilt eben für alle - unabhängig von der Herkunft.

So erkannten immerhin neun von zehn deutschen Jugendlichen Angela Merkel auf einem Foto, bei den Migrantenkindern waren es etwas mehr als 80 Prozent. Andere Politiker, etwa den inzwischen zurückgetretenen Bundespräsidenten Horst Köhler dagegen konnten die wenigsten Jugendlichen benennen. Und während sie zwar alle recht gut wussten, wie eine Demokratie im Prinzip funktioniert, war es dem deutschen Nachwuchs gerade mal möglich, im Schnitt 2,5 Parteien namentlich zu benennen, bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund waren es sogar nur 1,5 Parteien.

Unterschiede zwischen den Gruppen fanden die Wissenschaftler, als sie die möglichen Bildungsquellen untersuchten. "Die gehen natürlich alle in die Schule und lernen in entsprechenden Fächern etwas über das demokratische System Deutschlands", sagt Reinders. Jugendliche mit Migrationshintergrund informierten sich allerdings deutlich häufiger mit Hilfe des Fernsehens über die Politik als deutsche Jugendliche.

Jedes zweite Migrantenkind nutzte außerdem das Internet, während es bei den deutschen Altersgenossen jedes dritte bis vierte war. Letztere dagegen lasen mit 40 Prozent etwas häufiger Tageszeitungen als Jugendliche mit Migrationshintergrund (35 Prozent). Dies, so Reinders, könnte mit der geringeren Lesekompetenz von Migrantenkindern zusammenhängen, auf die auch die Pisa-Studie hingewiesen hat.

Im Gegensatz zu manchem Vorurteil waren es dabei nicht in erster Linie Medien des Heimatlandes, die Jugendliche mit Migrationshintergrund nutzten, sondern deutschsprachige.

Keine Aussage haben die Wissenschaftler allerdings darüber gemacht, ob das Wissen um die Demokratie bei den Migrantenkindern auch etwas damit zu tun hat, dass sie die Normen, Werte und Gesetze in Deutschland akzeptieren. Das gehört nicht zwingend zusammen.

So betrachten manche politischen und religiösen Extremisten gerade die Demokratie als System, das sich für ihre Ziele missbrauchen lässt. Für die Haltung gegenüber den Werten und dem politischen System in Deutschland spielen deshalb auch kulturelle und religiöse Faktoren eine wichtige Rolle.