Weil das Essen schlecht ist und die Portionen zu klein, bleiben Patienten in deutschen Krankenhäusern länger krank als nötig.

Die Patienten in deutschen Kliniken werden nicht ausreichend verpflegt. Jeder vierte Krankenhauspatient ist unterernährt, wie eine noch unveröffentlichte Studie der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM) ergeben hat.

Zivildienstleistender füttert eine Patientin

Ein Zivildienstleistender füttert eine Patientin im Krankenhaus. (© Foto: dpa)

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Die Folgen könnten dramatischer kaum sein: Der Studie zufolge ist das Todesrisiko der mangelernährten Patienten innerhalb des ersten Jahres viermal so hoch wie das normal ernährter Patienten mit der gleichen Grunderkrankung, sagte DGEM-Präsident Berthold Koletzko. Die Mangelernährung bremst zudem den Genesungsprozess und erhöht die Pflegebedürftigkeit - und damit oft auch die Länge des Krankenhausaufenthaltes.

"In manchen Kliniken reicht schlichtweg die Essensmenge nicht aus, um den Patienten ausreichende Energie in Form von Kalorien zuzuführen, sagt Stefan Bischoff, Professor für Ernährungsmedizin und Prävention an der Universität Hohenheim. Noch häufiger sei die ausreichende Versorgung der Patienten mit Vitaminen und Spurenelementen in Krankenhäusern mangelhaft.

Besonders dramatisch ist die Situation bei älteren Menschen: Der DGEM-Studie zufolge ist jeder zweite Krankenhauspatient über 65 Jahre bereits bei seiner Einlieferung unter- oder mangelernährt. Doch im Krankenhaus verschlechtere sich die Ernährungssituation oft noch.

Drei Viertel aller Patienten gleich welchen Alters verlieren in der Zeit ihres Krankenhausaufenthaltes mehr als fünf Prozent ihres Ausgangsgewichts, sagt Christian Löser, Ernährungsmediziner am Roten-Kreuz-Krankenhaus Kassel, der vor vier Jahren die bisher umfangreichste deutsche Studie zum Thema angefertigt hat. Ein 70 Kilogramm schwerer Mann würde also über 3,5 Kilogramm abnehmen.

Der schlechte Ernährungszustand der Patienten wird im Krankenhaus ebenso wenig bemerkt wie Appetitlosigkeit oder Kauprobleme. "Heute rennt die Schwester mit dem Tablett ins Zimmer und holt es nach einer Stunde wieder ab.

Zeit zum Kleinschneiden von Fleisch oder zum Füttern von Patienten mit Kauproblemen ist nicht da", kritisiert Löser. Einer älteren britischen Studie zufolge lasse jeder zweite bis dritte Patient sein Essen unangetastet zurückgehen.

"Das Budget wird natürlich primär für die medizinische Versorgung verwendet", räumt Gerd Norden ein, der Sprecher des Verbandes der leitenden Krankenhausärzte Deutschlands.

Die Ernährung sei eben nur einer von vielen Faktoren in der Krankenversorgung. Durchschnittlich fünf bis sechs Euro pro Patient und Tag rechnen die Kliniken für die Ernährung ab. "Angesichts der 300 bis 600 Euro, die ein Krankenhauspatient pro Tag insgesamt kostet, ist das ein Minimalbetrag", sagte DGEM-Vizepräsident Herbert Lochs.

Dennoch weist die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) die Kritik an einer unzureichenden Ernährung der Patienten zurück. "Es gibt keine flächendeckende Mangelernährung in unseren Krankenhäusern", sagt DKG-Sprecher Holger Mages.

Die Kliniken arbeiteten ständig an der Verbesserung ihrer Leistungen, auch an der Qualität der Ernährung. "Unter anderem wurde ein Zertifizierungsverfahren eingeführt, das bereits 85 Krankenhäuser durchlaufen haben." Viele der 2221 Krankenhäuser in Deutschland seien gerade dabei.

In dem Verfahren überprüfen die Krankenhäuser unter anderem, ob der Menüplan in medizinischer Hinsicht auf die Patienten abgestimmt wird, ob Wünsche berücksichtigt werden und ob genügend Menüs zur Auswahl stehen.

Die Berichte, die im Internet unter www.ktq.de abrufbar sind, geben Aufschluss darüber, welche Ernährungsstandards und wie viel Personal sich die einzelnen Kliniken leisten.

Den Ernährungsmedizinern reicht das nicht. Laut der DGEM-Studie wird lediglich bei zehn Prozent aller Klinikpatienten routinemäßig der Ernährungszustand untersucht.

Spezielle Teams aus Diätassistenten, Ärzten und Krankenschwestern sollten die Defizite in den Krankenhäusern feststellen und gezielt behandeln, fordert der Europarat schon seit dem Jahr 2003. "In Deutschland haben aber bisher gerade mal zwei Prozent der Krankenhäuser solche Ernährungsteams", sagt DGEM-Präsident Koletzko, der als Ernährungsmediziner am Hauner'schen Kinderspital der Universität München arbeitet.

Um den Umdenkprozess zu fördern, macht der Berufsverband Deutscher Ernährungsmediziner die ernährungstherapeutischen Teams zum zentralen Thema seines Bundeskongresses, der am heutigen Dienstag in Nürnberg beginnt.

Allerdings habe die Einführung der Fallpauschalen bereits einiges bewirkt, sagt Christian Löser. Weil die Kliniken für die Behandlung einer Erkrankung eines Patienten nur noch pauschal bezahlt werden, seien sie nun bemüht, die Liegedauer so kurz wie möglich zu halten.

Wie wichtig dabei die Ernährung ist, belegt eine Studie der Berliner Charité und des Krankenhauses Zehlendorf aus dem Jahr 2003. Sie zeigte, dass der Klinikaufenthalt mangelernährter Patienten um 40 Prozent länger ausfällt als der normal ernährter Patienten.

"Die Patienten sollten aber auch selbst aktiv werden und vor einer Operation nach einer guten Ernährung fragen", rät Löser. "Das steigert ihre Chancen deutlich, das Krankenhaus schnell wieder gesund zu verlassen."Inga Niermann

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(SZ vom 17.5.2005)