Streit um Krebsgene Darf es Patente auf menschliche Gene geben?

Bei manchen Krebstests werden Gene aus ihrer Umgebung isoliert und untersucht. Das oberste US-Gericht muss klären, ob diese Erbgut-Sequenzen als Erfindung gelten können.

Von Katrin Blawat

Darf es Patente auf menschliche Gene geben? Sind Erbanlagen Erfindungen, sobald sie aus dem Körper isoliert werden? Das oberste Gericht der USA hat am Montag 65 Minuten lang nach einer Antwort auf diese Frage gesucht. Dabei zeigten die neun Richter Skepsis gegenüber den Argumenten der Genpatent-Befürworter, wie dem Protokoll der Verhandlung zu entnehmen ist.

Vor dem Supreme Court ging es um die beiden Gene BRCA1 und BRCA2. Mutationen in diesen Erbanlagen steigern das Risiko für Brust- und weitere Krebsarten. Manche Frauen möchten daher wissen, ob sie die gefährlichen Gen-Veränderungen in sich tragen. Labortests können das zeigen. Dafür muss man die fragliche DNA-Sequenz aus dem Körper der Frau gewinnen, also aus ihrer natürlichen Struktur im Erbgut herauslösen. Für diese isolierte Form der beiden Gene besitzt die amerikanische Firma Myriad Genetics Patente. Zugleich bedeutet dies, dass sie auch ein Monopol auf den Gentest hat.

Die Grundfrage in dem Rechtsstreit lautet nun: Stellt ein isoliertes Gen bereits eine technische Erfindung dar, die mit einem Patent geschützt werden kann? Oder handelt es sich bei einer Erbgut-Sequenz im Labor nach wie vor um eine Erfindung der Natur? So sehen es unter anderem die Kläger, die Association for Molecular Pathology, sowie die American Civil Liberties Union (ACLU). Folgt man ihrem Standpunkt, können die Gene nicht patentiert werden.

Was genau hat die Firma erfunden?

"Was genau hat Myriad erfunden?" fragte Christopher Hansen als Vertreter der ACLU zu Beginn der Verhandlung. "Die Antwort ist: nichts. Myriad hat das Geheimnis zweier menschlicher Erbanlagen gelüftet. Aber die Gene selbst, wo sie beginnen, wo sie enden und was passiert, wenn sie mutieren - all diese Entscheidungen wurden von der Natur getroffen, nicht von Myriad."

Myriads Vertreter Gregory Castanias hingegen betonte, die Gene zu isolieren erfordere menschliche Erfindungsgabe. Dies ist eine Voraussetzung, damit ein Patent erteilt werden kann. Castanias sagte, die Gene zu isolieren sei komplizierter, als sie einfach nur "auszuschneiden". Daher seien die Patente angemessen.

Der Streit tobt bereits seit vier Jahren. Die Entscheidung des Supreme Court wird nun für Ende Juni erwartet. Den kritischen Fragen der Richter am Montag nach zu urteilen, ist es denkbar, dass sie die Patente auf die isolierten Gene als unrechtmäßig einstufen. Andererseits zeigten die Richter Verständnis für Myriads Argument, wonach sich Investitionen, etwa in die Entdeckung von Krebsgenen, für Firmen finanziell lohnen müssen.

Welche Bedeutung das Urteil des Supreme Court hat, ob es sich auch auf andere Bereiche der Biotechnologie und Medizin auswirken wird, hängt von seiner genauen Formulierung ab. Für Myriad könnten die direkten Folgen eher gering ausfallen: Die umstrittenen Patente laufen in den kommenden Jahren ohnehin aus.

Viele Ärzte, Forscher und Patientenvertreter fürchten vor allem, Patente wie die von Myriad könnten Betroffenen den Zugang zu den Gentests erschweren. Außerdem würden Labore davon abgehalten, die Tests weiter zu entwickeln und zu verbessern.

Ob Patente wie die von Myriad dem medizinischen Fortschritt und einzelnen Patienten wirklich schaden, ist Studien zufolge jedoch noch unklar. Laut Forschern wie Timothy Caulfield von der University of Alberta würden sowohl Schaden als auch Nutzen von Patenten auf menschliche Gene häufig überbewertet. Das schreibt er und sein Team in einem aktuellen Beitrag im Fachmagazin Genome Medicine (online).