Strandgut Schatz im Sand

Schatz im Sand

Viele Muscheln, die Urlauber gerne am Strand sammeln, könnten bald rar sein. Ein Überblick. mehr...

Jakobsmuschel, Rote Bohne, Herzmuschel: Viele Muscheln, die Urlauber gerne am Strand sammeln, könnten bald rar werden. Eine Bestandsaufnahme

Von Anna Günther und Laura Hertreiter

Sand zwischen den Zehen, Sonne auf der Haut, Eimer in der Hand: Die Muschelsuche zählt zu den schönsten Kindheitserinnerungen. Wenn die Gischt direkt vor den Füßen eine besonders makellose geriffelte Herzmuschel freispült, ist das für die meisten Strandurlauber ein goldener Sommermoment. Ein berauschendes Gefühl, dem die Muschel später als Badezimmer-Deko zu Hause Ewigkeit verleihen soll. Allerdings sind die kleinen Schätze am Strand heute nicht mehr die gleichen wie noch vor ein paar Jahrzehnten, egal ob die Reise ans Mittelmeer, die Nord- oder Ostsee führt.

Kreuzfahrtschiffe und Containerriesen machen aus den Weltmeeren Autobahnen und schleppen fremde Arten ein. Schwimmende Muschellarven reisen mit in Ballasttanks oder festgewachsen am Rumpf wie kleine Galionsfiguren. Dann gilt das alte Gesetz: Der Stärkere setzt sich durch. Einige Arten sterben aus, andere kommen hinzu. An deutschen Stränden liegen seit einigen Jahren lange schmale Perlmuttscheiben neben schwarzen Miesmuschelschalen im Wellenschaum. Die Schwertmuschel reiste über den Hamburger Hafen aus Amerika ein, in Nord- und Ostsee geht es der Art prächtig. Sie hat dort eine Nische gefunden, die vorher nicht besetzt war. Entsprechend üppig sind die Bestände.

Ein anderer neuer Bewohner ist nicht ganz so harmlos: Vor zwei Jahrzehnten wurde die Pazifische Auster vor Sylt ins Meer gesetzt, sie sollte die Europäische Auster ersetzen, die vor fast 80 Jahren durch Überfischung und sehr kalte Winter ausgestorben war. Experten vermuteten, der fremden Auster würde es in der Nordsee zu kalt sein - weit gefehlt. Die Pazifische Auster fühlt sich vor Sylt so wohl wie die Touristen auf der Insel. Doch die Delikatesse bleibt teuer: Austern aus dem offenen Meer kann man nicht öffnen und essen, sie wachsen zu krustigen Klumpen zusammen. Was auf dem Teller landet, wird gezüchtet. Die Riffe wilder Austern sind so scharfkantig, dass Wattwanderer und Surfer sich verletzen können. Zudem verdrängt die Auster andere Muschelarten. Wie stark, ist nicht leicht festzustellen. Der Wissenschaftler Mark Lenz vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel sagt: "Austernriffe bieten wie die heimischen Muschelbänke auch einen Lebensraum für andere Tiere und Pflanzen."

Dass fremde Arten in die Meere einwandern, ist für Lenz der normale Zyklus der Natur. "Invasion ist ein Prozess, der schon immer stattgefunden hat", sagt er. Mit Klimawandel und Schiffsverkehr beschleunige der Mensch den Prozess einfach etwas. Gerade in der Ostsee ist die Tier- und Pflanzenwelt noch lange nicht etabliert. Gemessen an der Entstehungszeit der Weltmeere ist die Ostsee noch vergleichsweise jung. Sie ist erst in der letzten Eiszeit vor etwa 7000 Jahren entstanden. "Dort gibt es viele Nischen, die bisher nicht besetzt sind", sagt Lenz. Überhaupt ist die Ostsee ein Spezialfall: Als Randmeer gleicht sie eher einem Fjord und ist nicht von den Weltozeanen beeinflusst. Der Salzgehalt des Atlantiks liegt bei 3,54 Prozent, das Salz im Wasser zwischen dem finnischen Meerbusen und der Kieler Bucht unterscheidet sich dagegen deutlich. Die Ostsee ist das größte Brackwassermeer, je weiter im Norden, desto süßer wird das Wasser. "Schwankender Salzgehalt ist der größte Umweltstress, den man sich vorstellen kann", sagt Lenz. Trotzdem sind in den vergangenen Jahrzehnten mehr als 100 Arten eingewandert. Neben der Schwertmuschel verbreitet sich besonders die Zebramuschel im Binnenmeer. Ursprünglich lebte diese Art in Süßwasser im kaspischen Raum.

Muscheln sind der Wasserfilter des Meeres. Sie arbeiten wie Siebe, saugen Wasser ein und fressen das darin enthaltene Plankton. An Land gespült sind die Schalen Symbol für Freizeit und Erholung. Ein Stück Urlaub für zu Hause. Das Meeresrauschen ist übrigens nicht in Muscheln gefangen, sondern in den prächtigen Gehäusen großer Meeresschnecken. Wer sie finden will, muss in die Tropen reisen.