Der Bibel zufolge überschattete eine Finsternis den Tag, an dem Jesus starb. Steckt ein astronomisches Ereignis dahinter?
"Um die sechste Stunde brach eine Finsternis über das ganze Land herein bis zur neunten Stunde" - es ist ein apokalyptisches Szenario, das der Evangelist Matthäus hier beschreibt und das in der bildenden Kunst seit Jahrhunderten die Darstellung der Kreuzigungsszene inspiriert. Lukas berichtet, dass "die Sonne aufhörte zu scheinen" und "der Vorhang des Tempels mitten durch riss". Steckt hinter dem biblischen Geschehen ein astronomisches Ereignis?
Die Sonne habe aufgehört zu scheinen, berichtet der Evangelist Matthäus. Viele bildliche Darstellungen spiegeln diese Schilderung wider. (© Foto: Hess)
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Tatsächlich ereignete sich am 24. November des Jahres 29 über Palästina eine totale Sonnenfinsternis. Starb Jesus also an jenem Tag? Auf den zweiten Blick erscheint das wenig wahrscheinlich: Jesus, so heißt es in allen vier Evangelien, wurde an einem Nachmittag im Monat Nisan gekreuzigt, kurz vor dem Passahfest. Nach dem gregorianischen Kalender beginnt Nisan aber Mitte März, das Passahfest am Abend des 14. Nisan. Weil es mit dem Vollmond ebenso zusammenhängt wie Ostern, das die Christen traditionell am Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond feiern, konnte es damals keine Sonnenfinsternis geben - die tritt nur bei Neumond ein, wenn der Trabant zwischen Sonne und Erde vorbeizieht und seinen Schatten auf unseren Planeten wirft. Zudem dauert die Totalität nie drei Stunden, sondern maximal siebeneinhalb Minuten.
Beziehen sich die Evangelien vielleicht auf ein anderes kosmisches Schattenspiel? Auch hier wurden die Astronomen fündig und stießen auf eine Mondfinsternis, die just am 14. Nisan (3. April) des Jahres 33 über die Himmelsbühne ging. Doch wieder passt nichts zusammen: Die Finsternis war lediglich partiell, und der Mond tauchte kurz nach seinem Aufgang in den Kernschatten. Zu diesem Zeitpunkt herrschte Abenddämmerung, es war also noch gar nicht dunkel. Und den in der Bibel beschriebenen dramatischen Effekt hätte eine partielle Finsternis ohnehin nicht gehabt, zumal der Erdschatten selbst während der Totalität den Mond niemals vollständig in den Schatten stellt, sondern ihn mehr oder weniger hell in kupferfarbenem Licht leuchten lässt.
Was also geschah in Jerusalem vor 2000 Jahren? Sieht man davon ab, dass die Evangelisten der Kreuzigung durch fiktionale Überhöhung ein besonderes Gewicht verleihen wollten, kommen als plausible Erklärungen entweder ein Unwetter oder ein orkanartiger Sandsturm in Frage: Diese Naturereignisse würden die Sonne verdunkeln und könnten den Vorhang im Tempel reißen lassen.
Merkur zeigt sich während der ersten Monatshälfte als heller Stern tief am westlichen Abendhimmel. Gegen 21 Uhr sollte man die besten Chancen auf eine Sichtung haben. Am 4. April stehen Merkur und der strahlende Abendstern Venus nahe beisammen; am 15. und 16. April zieht die extrem schmale Sichel des zunehmenden Mondes an dem Duo vorüber. Mars im Sternbild Krebs gibt seinen Abschied von der morgendlichen Himmelsbühne und geht zum Monatsende dreieinhalb Stunden nach Mitternacht unter. Jupiter im Wassermann dagegen wird in den kommenden Wochen am morgendlichen Firmament erst sichtbar. Saturn in der Jungfrau können wir die ganze Nacht über beobachten. Uranus und Neptun bleiben verborgen. Der April bietet unergiebige Meteorströme wie die Virginiden oder Sigma-Leoniden. Allenfalls die Lyriden lohnen das Ausschauhalten, im Maximum am 22. April fallen stündlich bis zu 20 Schnuppen vom Himmel. Der Fahrplan des Erdbegleiters: Letztes Viertel am 6., Neumond am 14., Erstes Viertel am 21. und Vollmond am 28. April.
- Archäologie Mysterien um das Heilige Grab 27.02.2007
- Glaube Der Gottesinstinkt 24.12.2009
(SZ vom 1.4.2010/beu)
Eine "starke Allegorie"? Es ist eindeutig eine diegetische Transposition der Caesar-Quellen! Warum sollte eine der berühmtesten Stellen der synoptischen Evangelien, die eindeutig Jesu Göttlichkeit beschreibt Helios wendet sich ab! , auf Caesar zurückgehen? Auch noch während der Kreuzigung?!! Bei Caesar gibt es ja sogar die Auferstehung der Toten, die durch die heilige Stadt laufen (cf. Ovid, Metamorphosen). Fanden die Evangelisten etwa Caesar besser als Jesus? Göttlicher? Größer? Den Kontext dieser Zeit zu betrachten ist richtig, und der damalige Kontext ist klar: Caesar war Divus Iulius, Staatsgott mit reichsweitem Kult, und seine Geschichte wurde umgeschrieben, transponiert, über mehrere Generationen verfremdet, mit Kopierfehlern, Fehlinterpretation, falschen Übersetzungen usw. Am Ende kamen die Evangelien und das Christentum dabei heraus. Ganz einfach. Alles andere ist leeres Gequatsche.
Vielleicht sollte man die alten Texte im Kontext jener Zeit betrachten und nicht ins wissenschaftlich evidente Denken von Heute projizieren. Es könnte sich um eine starke Allegorie handeln die den Verlust Jesu betrauert...
Ich bin mal gespannt, ob die Monatsbetrachtung des Sternenhimmels im Sommer vor Mariä-Himmelfahrt auch so geistig-religiös, forschend-rätselhaft verbrämt ausgestaltet wird.
Richtig. Man muss nur das sidus Iulium mit dem Chi-Rho vergleichen, mit dem Konstantin die Nachkommen von Caesars Veteranen geködert hat. Der Ursprung ist klar. (Was den Weihnachtsstern angeht, geht er sicherlich auch auf das sidus Iulium zurück, aber nur in der Ikonographie. In der Bibel selbst hat es andere Quellen; da ist es das Himmelslicht im Traum der Maria Atia, jungfräuliche Mutter des Augustus, das das Kommen des neuen Weltherrschers anzeigte.)
Auch richtig, was die jüdische Gemeinde in Rom angeht: Sueton schreibt v.a. von den Juden, die während des Pessachfestes bei Caesars Begräbnis mit am stärksten und längsten von allen getrauert haben. (Was klar ist, denn Caesar hat sie besonders und besonders positiv behandelt.) Aber komplett generalisieren würde ich das nicht, denn nach der Ermordung hat sich die öffentliche Meinung erstmal gegen Caesar gewendet, und viele Juden (darunter auch jüdische Caesarianer) sind später zur Partei der Mörder übergewechselt, was im Prinzip das erste Schisma war.
Was die Dunkelheit ab der 6. Stunde angeht, stehen viele Quellen bei Ramsey&Licht zum Vulkanausbruch und zur Dunkelheit an sich. Aber gerade bei der wichtigsten Quelle, der Stelle bei Servius, wo die plötzliche Dunkelheit zur 6. Stunde steht, haben sie nicht recherchiert. In dem Manuskript, das sie zitieren, steht "Maiarum". Alle anderen MSS sagen aber "Martiarum". Ein Kopist hat wohl einfach die Buchstaben "rt" vergessen, denn Servius (und die Parallelquelle bei Vergil) handeln ausdrücklich von Caesars Ermordung, und die war ja bekanntlich *nicht* im Mai. ;) Von Livius (der bei Servius) zitiert wird, wissen wir, dass der Vulkanausbruch *vor* den Iden des März war. Warum also sollte Servius den Mai erwähnen?
Wenn man sich die Caesar-Quellen anschaut, finden wir darin alles, was auch zu dieser Naturkatastrophe in der Bibel steht: Die plötzliche Dunkelheit zur 6. Stunde für längere Zeit, Dunkelheit über dem ganzen Land, sogar übertriebene Darstellung wie nachtgleiche Dunkelheit etc., Erdbeben, zerstörte Steine, Zerstörung bis in ferne Regionen (Alpen!) usw.
So, mehr fällt mir auf die Schnelle nicht ein. :) --- c#Æsar
Der letzte Absatz, den Sie ansprechen: Wahrscheinlich sollte der Artikel ursprünglich "Der Sternenhimmel im April" heißen, Doch offenbar wollte der Verfasser noch zusätzlich österliches Gedankengut einflechten, und daraus ist dann diese etwas seltsame Mischung entstanden.
Zum Bibelbericht selbst: Natürlich gehören die darin geschilderten astronomischen Vorgänge zur Rubrik "Zeichen und Wunder". Da das Lukas-Evangelium etwa zwischen 80 und 90 n. Chr. geschrieben wurde, ist es alles andere als eine geschichtliche Quelle. Vielmehr hat der Verfasser auf außergewöhnliche Phänomene zurückgegriffen, die im römisch-hellenistischen Kulturkreis vielfach bezeugt waren, seien es nun Sonnen- oder Mondfinsternisse, Planetenkonjunktionen oder Vulkanausbrüche. Mit Gewalt ein solches Ereignis im Frühjahr des Jahres 33 konstruieren zu wollen, ist naiv und entbehrt jeder historischen Grundlage.
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