Unser Klima verändert sich schneller als erwartet. Hans Joachim Schellnhuber vom Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung über die dadurch drohenden Gefahren.
Der Physiker Hans Joachim Schellnhuber ist Leiter des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Er ist stellvertretender Vorsitzender des "Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen".
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Trockene Realität in 100 Jahren? Im Sommer 2005 steckten im Amazonas die Schiffe im Sand fest. (© Foto: Reuters)
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SZ: Herr Schellnhuber, im Sommer 2003 staunten wir noch über die Hitze, muss sie uns jetzt normal vorkommen?
Schellnhuber: Nein. Nach den nicht gerade rosigen Klimavorhersagen sollte ein Sommer wie dieser erst ab 2040 normal sein. Ab 2060 wäre so etwas dann sogar ein eher kühles Ereignis. Wenn sich aber jetzt schon wieder solch ein stabiles Hoch ausbildet, ist das schon überraschend. Unangenehmerweise beobachten wir aber relativ viele Phänomene, die unseren eigenen Prognosen vorauseilen.
SZ: Zum Beispiel?
Schellnhuber: Als wir 1992 das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung gründeten, wussten wir, dass die Menschen das Klima beeinflussen und dass unsere physikalischen Grundannahmen stimmen, aber die Schnelligkeit und das massive Ausmaß der Folgen waren uns nicht klar. Die Verstärkung der Hurricanes, die mögliche Versteppung des Amazonas - das sind Dinge, die erst in den letzten Jahren auf unserem Radarschirm erschienen.
SZ: Der Amazonas versteppt?
Schellnhuber: Das worst case scenario besagt, dort wird im Jahr 2100 leere Steppe sein. Es gibt aber jetzt schon fleckenweise Steppenbildung im Nordosten des Amazonasgebiets. Und wenn Sie sich die Dürreprognosen für den Mittelmeerraum ansehen - Spanien, wie es jetzt ist, wird sich nicht halten lassen. Man wird dort keine herkömmliche Landwirtschaft mehr betreiben können, und es wird wohl auch für den Tourismus zu heiß werden.
SZ: Die amerikanische Journalistin Elizabeth Colbert ist an Orte gefahren, an denen die Auswirkungen des Klimawandels schon heute zu spüren sind, und hat ihre Begegnungen in dem Buch "Vor uns die Sintflut" zusammengefasst. Alle Klimabeobachter sind sich einig: Der Wandel vollzieht sich schneller, als sie noch vor zehn Jahren vermuteten. In Grönland schwimmen den Forschern ihre Stationen im Schmelzwasser davon.
Schellnhuber: Ja, da könnte es bald noch viel wärmer werden als während des mittelalterlichen Klimaoptimums, in dem die Wikinger Grönland besiedelten.
SZ: Muss man sich Grönland damals so vorstellen wie heute Island?
Schellnhuber: Es gab da ab dem 11. Jahrhundert eine blühende Infrastruktur, Viehwirtschaft, große Gehöfte, prächtige Kirchenfenster. Als dann die kleine Eiszeit kam, brach diese Kultur zusammen. Es heißt, um 1600 wollte ein spanisches Handelsschiff von Amerika kommend an Land gehen und fand den letzten Einwohner tot an der Mole.
SZ: Der hatte da alleine in der Kälte auf seine Rettung gehofft?
Schellnhuber: Anscheinend. So etwas passiert, wenn man sich an eine Klimaveränderung nicht anpassen kann.
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