Steinmeiers Organspende Der Körper als Geschenk

Niemand darf gezwungen werden, seinen Körper anderen Menschen zur Verfügung zu stellen. Umso eindrucksvoller ist das Beispiel, das Frank-Walter Steinmeier nun abgibt, wenn er seiner Frau eine Niere schenkt.

Ein Kommentar von Werner Bartens

Es ist eine intime Entscheidung, zu Lebzeiten ein Organ zu spenden. Kranke, die ein Organ benötigen, können sich eine solche Gabe wünschen, sie herbeisehnen, aber nicht sie einfordern - auch nicht von ihren Liebsten. Niemand ist verpflichtet, bei lebendigem Leib ein Organ zu spenden. Zu groß ist das Unbehagen vieler Menschen gegenüber dem Eingriff. Das Risiko bei der Entnahme einer Niere ist zwar gering, doch der Spender gefährdet immerhin seine körperliche Unversehrtheit, obwohl er gar nicht krank ist. 600 Menschen haben im vergangenen Jahr in Deutschland zu Lebzeiten eine Niere gespendet. SPD-Fraktionschef Chef Frank-Walter Steinmeier will es ihnen nachtun und seiner Frau ein Organ überlassen.

Zu Recht vertraut er darauf, im Oktober wieder zurück in der Politik zu sein. Wenn alles gut geht (und das geht es bei der risikoarmen Operation fast immer), hat Steinmeier mit einer Niere eine ähnliche Lebenserwartung wie zuvor. Für Steinmeiers Frau hat die Gabe ihres Mannes viele Vorteile. Auf der Warteliste für Organe Verstorbener müsste sie zwischen sechs und sieben Jahren ausharren, bis sie eine Niere verpflanzt bekäme. In dieser Zeit leiden Herz, Gefäße und andere Organe durch die trotz der Dialyse anschwemmenden Giftstoffe im Körper.

Zudem ist die Prognose nach einer Lebendspende besser, weil der Zeitraum zwischen Entnahme und Verpflanzung kürzer und der Eingriff planbar ist. Da die Gewebemerkmale der beiden offenbar ausreichend übereinstimmen, bestehen gute Chancen, dass Steinmeiers Niere nicht von seiner Frau abgestoßen wird. Um dies zu verhindern, muss sie lebenslang Medikamente nehmen, die ihr Immunsystem dämpfen.

Steinmeiers Frau hat Glück, denn es gibt weitaus mehr Patienten als Spender. 2009 konnten nur 4709 Organe (von 1217 Spendern) in Deutschland transplantiert werden, darunter waren knapp 3000 Nieren. 12.000 Patienten stehen auf der Warteliste für eine Transplantation, 8000 von ihnen warten auf eine Niere und lassen sich mehrmals in der Woche dialysieren. Die Warteliste ist allerdings eine Mogelei, denn es gibt 50.000 Nierenkranke, die auf Blutwäsche angewiesen sind und dringend ein neues Organ bräuchten; die Hälfte der Dialysepatienten stirbt innerhalb von zehn Jahren.

Manche Nierenkranke kommen aber nie auf die Liste, weil sie zu alt sind. Das ist eine Form der Altersdiskriminierung. Dem medizinischen Ethos würde es entsprechen, Kranken unabhängig davon zu helfen, ob sie fünf Jahre oder fünf Jahrzehnte vor sich haben. Wer 20-Jährigen und nicht 75-Jährigen ein Spenderorgan zukommen lässt, handelt utilitaristisch, nicht medizinisch. Das Leben des Jüngeren gilt als wertvoller. Die Praxis bestätigt dies. Nur zehn Prozent der Patienten auf der Warteliste sind über 65 - obwohl die Hälfte der chronisch Nierenkranken zu dieser Altersgruppe gehören.

Aus Liebe zu seiner Frau

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