Der Bundestag entscheidet heute über die hochumstrittene Stammzellforschung. Der Biochemiker James Adjaye betrachtet die Probleme durchs Mikroskop.
Nun ist wieder so ein Tag, an dem sich die Menschen fragen, weshalb James Adjaye eigentlich noch hier bleibt. Wenn sich die hohe Politik an diesem Freitag im Bundestag mit dem Gesetz zur Forschung mit Stammzellen befasst, geht es nicht nur um das Lebensrecht weniger Tage alter Embryonen; es geht auch um die Zukunft von James Adjaye. Die Parlamentarier werden darüber entscheiden, ob er die Arbeit tun darf, die es ihn zu tun drängt. Adjaye gehört zu den ganz wenigen in Deutschland, die an embryonalen Stammzellen forschen; an Zellen, die aus menschlichen Embryonen gewonnen wurden.
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Stammzellenforschung ist Arbeit unter dem Mikroskop: Chromosomen im Zellkern einer Eizelle werden während des Klonens entfernt. (© Foto: ddp)
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Wahrscheinlich wird er im Reichstag wieder dabei sein. Er wird wohl sein braunes Cordjackett tragen, mit dem Einstecktuch, und sich einen Platz auf einer der grauen Stoffbänke der Besuchertribüne suchen. Hoch über dem Plenarsaal wird er sitzen und schon deshalb die Diskussion in gewisser Weise von oben herab betrachten. Inzwischen kennt er sie alle - die Argumente der Moraltheologen genauso wie die der Patientenvertreter, die Argumente der Lebensschützer wie die seiner eigenen Zunft.
Die einen meinen, wenige Tage alte Embryonen besäßen bereits Menschenwürde; niemand dürfe sie zerstören, um Zellen zu gewinnen - schon gar nicht in einem Land, in dem die Menschenwürde schon viel zu oft keine Rolle spielte. Die anderen hoffen auf neue Therapien für Kranke mit Hilfe der wandlungsfähigen Embryozellen. Der Streit ist so existentiell, dass es bei der Abstimmung im Bundestag keinen Fraktionszwang geben wird. Jeder Abgeordnete soll nach seinem Gewissen entscheiden. Schließlich sind sogar die großen Kirchen in der Frage zerstritten.
Für James Adjaye ist die Debatte auch existentiell. Deshalb will er die Argumente wieder hören. Der 43-jährige Biochemiker ist eine Berühmtheit der deutschen Stammzellforschung, und zugleich - ausgerechnet - britischer Staatsbürger. Der gebürtige Ghanaer besitzt einen Pass eines der freizügigsten Staaten, was die Forschung an den Ursprüngen des Menschseins betrifft: Mit Embryonen, mit Stammzellen und mit Ei und Samen dürfen Wissenschaftler in Großbritannien fast alles machen, außer Babys zu klonen. James Adjaye aber arbeitet in Berlin, der Hauptstadt eines der weltweit restriktivsten Länder im Umgang mit Stammzellen.
Er wird einer der wenigen im Bundestag sein, die je eine Zelle unter dem Mikroskop betrachtet haben, einen wenige Tage alten Embryo hat noch fast keiner der Parlamentarier gesehen, auch wenn sich dieser Tage zwei in Adjayes Labor informiert haben. Aber es geht bei der Novellierung des Stammzellgesetzes ja nicht nur um Biologie, sondern um moralische, um emotionale, um theologische Vorstellungen davon, wie schützenswert der Beginn menschlichen Lebens ist.
Die ersten Zellen sind bald gestorben
So werden Parlamentarier letztlich bestimmen, ob Wissenschaftler wie Adjaye künftig mit neueren Embryozellen experimentieren dürfen, wie es Befürworter der Forschung beantragt haben. Bisher dürfen deutsche Forscher nur Zellen importieren, die vor 2002 entstanden sind, dem Jahr, in dem der Bundestag erstmals das Stammzellgesetz beschloss. Das war der Kompromiss, für deutsche Forschung sollten keine neuen Embryonen zerstört werden.
Die alten Stammzellen wachsen schon lange in James Adjayes Labor im Max-Planck-Institut für molekulare Genetik. Er züchtet sie in einem fensterlosen Raum, kaum sechs Quadratmeter groß. Sie mögen die Dunkelheit. Sie mögen es 37 Grad warm, und sie mögen viel Kohlendioxid in der Luft. Es soll so wie im Inneren eines Körpers sein. Adjaye hat viel Zeit investiert, um herauszufinden, was diese Zellen, die einmal zu einem Embryo gehörten, noch brauchen. Die ersten, die er in den USA für viel Geld kaufte, sind bald gestorben.
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Mubarak-Prozess in Ägypten