Von Das Interview führte Klaus Koch

Prof. Dr. Klaus Cichutek, Paul-Ehrlich-Institut Langen, über gefährliche Viren in importierten Embryozellen.

(SZ vom 29.1.2002)

Anzeige

SZ: Ihr Institut ist unter anderem zuständig für die Zulassung von Therapien, bei denen menschliche Zellen eingesetzt werden. Wissenschaftler betonen zwar, dass es noch Jahre bis Jahrzehnte dauert, bis sich zeigen wird, ob Stammzellen zu Therapien taugen. Bereiten sie sich dennoch schon jetzt auf den Einsatz der Stammzellen vor?

Cichutek: Ja, das tun wir. Wir sind nicht nur für die Zulassung bestimmter Therapien zuständig, sondern werden unter gewissen Voraussetzungen auch an der Beurteilung klinischer Studien beteiligt sein, in denen die Therapien mit Stammzellen erprobt werden. Was adulte Stammzellen betrifft, gibt es ja bereits erste Heilversuche in Deutschland. Beispielsweise gibt es Anwendungen, bei denen es darum geht, schwer herzkranke Patienten mit Stammzellen zu behandeln, die aus ihrem eigenen Knochenmark gewonnen wurden. Wir plädieren dafür, dass auch in der Stammzellforschung Heilversuche die Ausnahme bleiben. Diese Art der Erprobung besitzt nur wenig wissenschaftliche Aussagekraft, es lassen sich kaum Schlüsse für andere Patienten ziehen. In der nächsten Ausgabe des Bundesgesundheitsblattes stellen wir ausführlich dar, warum auch bei Versuchen mit Stammzellen Wirksamkeit und Sicherheit durch klinische Prüfungen nachgewiesen werden sollten, man sich also nicht so sehr auf Heilversuche konzentrieren sollte.

Erfahrungen aus der Gen-Therapie

SZ: Das klingt eigentlich selbstverständlich. Warum müssen Sie den Punkt extra betonen?

Cichutek: Wir haben unsere Erfahrung mit Gentherapie-Studien. Ich bin derzeit Vorsitzender der Kommission Somatische Gentherapie bei der Bundesärztekammer. Wir prüfen dort Anträge auf Gentherapie-Studien an Menschen. Es gab immer wieder Anträge von Forschern auf Heilversuche ohne ausführliche wissenschaftliche Begleitung. Diese wurden aber nur in ganz wenigen Einzelfällen akzeptiert.

SZ: Falls der Bundestag der Forschung an embryonalen Stammzellen zustimmen sollte, wann rechnen Sie mit Anträgen?

Cichutek: Das wird sicher noch Jahre dauern. Die Entwicklung der embryonalen Stammzellforschung ist weit von einer Erprobung am Menschen entfernt. Die Grundlagenforschung, um die es derzeit geht, beinhaltet bis auf weiteres nicht die Anwendung am Menschen sondern bestenfalls Tierversuche. Aber auch diese Versuche sind sehr wichtig: Sie helfen, Daten über Sicherheit und Risiken einer experimentellen Therapie zu sammeln und können Hinweise auf die Wirksamkeit geben. Präsident Bush hat in den USA 72 menschliche embryonale Stammzelllinien zur Forschung freigegeben, darunter auch Zelllinien von der Universität Wisconsin, wo 1998 die ersten dieser so genannten ES-Zellen gewonnen wurden. Wer diese Zellen anfordert, muss unterschreiben, dass er "akzeptiert, dass sie nicht entsprechend den Vorschriften für therapeutische Anwendung gewonnen wurden."

SZ: Das klingt so, als wären die Zellen überhaupt nicht zur Anwendung am Menschen geeignet.

Das Problem mit den Mauszellen als Nährmittel

Cichutek: Davon gehe ich derzeit auch aus. Zellen für den Einsatz am Menschen müssen unter definierten Qualitätsvorschriften hergestellt werden. Ein besonderes Problem der embryonalen Stammzellen besteht darin, dass die meisten Linien bislang die Anwesenheit von Mauszellen zur Unterstützung ihres Wachstums brauchen. Wir wissen aber, dass Mauszellen eine Vielzahl von Retroviren enthalten. Diese haben sich im Erbgut der Mauszellen eingenistet, können aber unter gewissen Bedingungen aktiv werden und dann auch menschliche Zellen infizieren. Solange es keinen Nachweis der Virusfreiheit gibt, ist nicht auszuschließen, dass embryonale Stammzelllinien, die Kontakt zu Mauszellen hatten, infiziert sein können.

SZ: Gibt es denn definitive Untersuchungen, ob die von den USA freigegebenen ES-Zelllinien mit Mäuseviren infiziert sind?

Cichutek: Ich kenne keine.

SZ: Angenommen, die ES-Linien sind tatsächlich infiziert: Hieße das, dass man weitere Embryonen zur Herstellung neuer Zelllinien opfern müsste?

Cichutek: Es ist möglich, dass die embryonalen Stammzelllinien bei kurzer Haltung in der Zellkultur noch virusfrei sind. Vermutlich sind einige Proben dieser Zellen eingefroren worden, auf die man zurückgreifen könnte. Doch ebenso gut ist möglich, dass für eine Erprobung neue Zelllinien hergestellt werden müssten. Man darf nicht vergessen, dass Viren von Tieren nicht nur für die Empfänger der infizierten Zellen, sondern auch für Dritte in deren Umgebung riskant sein können. Ich weiß aber, dass verschiedene Forschergruppen schon jetzt auf der Suche sind nach Kulturverfahren für embryonale Stammzellen, die ohne Mäusezellen auskommen. Auch diese Alternativen zu finden ist Aufgabe der Grundlagenforschung.

Leser empfehlen