Ständige Impfkommission "Geld beeinflusst mein Urteil nicht"

Der neue Vorsitzende der Ständigen Impfkommission, Friedrich Hofmann, zur Unabhängigkeit seines Gremiums.

Interview: Christina Berndt

SZ:: Ihr Vorgänger ist jetzt bei Novartis. Finden Sie, dass das ein gutes Licht auf die Unabhängigkeit der Stiko wirft?

Hofmann:: Die Kritik trifft da wirklich den falschen. Heinz-Josef Schmitt war ein sehr gewissenhafter Vorsitzender.

SZ:: Das Angebot von Novartis kam aber sicher nicht aus heiterem Himmel.

Hofmann:: Natürlich haben alle Stiko-Mitglieder Kontakte zu Pharmafirmen. Wir haben ja den gesetzlichen Auftrag, den Markt zu beobachten. Schließlich müssen wir wissen, welche neuen Impfstoffe in der Entwicklung sind. Sonst können wir sie nicht rechtzeitig bewerten.

SZ:: Aber muss da Geld fließen? Schmitt hat kurz vor seinem Weggang einen Preis über 10.000 Euro angenommen, den die Firma Sanofi Pasteur finanziert hat. Deren teuren Impfstoff hatte die Stiko kurz zuvor empfohlen.

Hofmann:: Es ist mehr und mehr Usus geworden, dass Preise von Sponsoren finanziert werden. Daran ist grundsätzlich nichts Anrüchiges. So hat die Bayerische Staatsregierung vor Jahren den Franz-Koelsch-Preis für Arbeitsmedizin ausgelobt. Nun hört man, dass sie private Sponsoren dafür sucht.

SZ:: Aber bleibt denn völlig unbeeinflusst, wer Geld von der Industrie erhält?

Hofmann:: Ich werde dadurch nicht in meinem Urteil beeinflusst. Auch nicht, wenn ich auf einem Firmen-Symposium einen Vortrag halte. Natürlich darf das Honorar nicht überhöht sein, dann ist so etwas meiner Ansicht nach in Ordnung.

SZ:: Braucht nicht gerade die Stiko besonders harte Regeln, um sich vom Verdacht der Korruptheit reinzuwaschen?

Hofmann:: Korruptheit? Ich kenne ja nicht die KontoauSZ:üge jedes Kollegen, aber wer Geld will, geht nicht in die Stiko. Wir arbeiten ehrenamtlich, es gibt nicht einmal eine Aufwandsentschädigung. Wenn wir in Berlin tagen, werden Hotelkosten bis 85 Euro übernommen und Fahrtkosten bis maximal 150 Euro.

SZ:: Was sollte die Stiko Ihrer Ansicht nach tun, um ihren Ruf zu verbessern?

Hofmann:: Die Stiko muss aus der defensiven Ecke raus. Wir sollten lautstark propagieren, was wir für richtig halten. Impfungen haben sich bei der Ausrottung von Seuchen zweifellos bewährt, sie sind ein großer Gewinn. Ich weiß auch aus persönlicher Erfahrung, wovon ich rede. Ich habe zum Beispiel selbst noch die Kinderlähmung gehabt. Im Übrigen werden wir nicht nur von Impfgegnern angegriffen, sondern auch von Impfbefürwortern. Die sagen, wir begingen Mord, weil es keine Impfpflicht gegen Masern gibt. Und auch einige Ärzte haben wir zum Feind. Wenn Krankheiten wegen der Impfungen seltener werden, verdienen manche Kollegen nun einmal nicht mehr so gut. Das muss man immer mitbedenken, wenn man Kritik von Ärzten an unseren Entscheidungen hört.

SZ:: Zur Rettung des Rufs der Stiko gäbe es einen einfachen Vorschlag: kein Euro von einem Impfstoffhersteller auf das Konto eines Stiko-Mitglieds.

Hofmann:: Die Regeln stellt das Bundesgesundheitsministerium auf, das auch die Mitglieder der Stiko beruft. Es will künftig manche Dinge ändern. Zum Beispiel gehen die Protokolle unserer Sitzungen jetzt an die Öffentlichkeit. Ich finde das eher nicht gut. Man irrt sich ja auch mal in einer Debatte. Nun muss man jeden Halbsatz auf die Goldwaage legen.

SZ:: Was sollte das Ministerium dann für den Ruf der Stiko tun?

Hofmann:: Unsere große Schwäche ist, dass wir aus Geldmangel keine eigenen Studien durchführen können. Wir müssen unsere Empfehlungen auf der Grundlage der existierenden Daten aussprechen.

Zu dem Impfstoff gegen Gürtelrose etwa, über den wir in absehbarer Zeit zu entscheiden haben, gibt es nur eine einzige deutsche Studie, die vor 13 Jahren in Ansbach durchgeführt wurde. Solange wir kein Geld für eigene Studien haben, müssen wir eben mit den Pharmafirmen zusammenarbeiten.