Ständige Impfkommission Fragwürdige Runderneuerung

Die Ständige Impfkommission soll aufgrund wissenschaftlicher Kriterien entscheiden, welche Impfungen empfohlen werden. Doch zahlreiche Mitglieder haben Verbindungen zur Pharmaindustrie. Für Kritiker "unfassbar".

Von Christina Berndt

Dass wissenschaftliches Arbeiten in der Politik keine hohe Priorität hat, wurde in den vergangenen Wochen mehr als deutlich. Zumindest beim Thema Impfungen soll dies nun anders werden. So wenigstens lautete die Vorgabe von Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler, der die Ständige Impfkommission (Stiko) jüngst radikal umbesetzt hat.

Die Stiko entscheidet darüber, welche Impfungen den Deutschen empfohlen werden. Nun hat Rösler auf einen Schlag die Hälfte der 16 Mitglieder ausgetauscht, zum Teil gegen deren Willen.

Die Neubesetzung sei "turnusmäßig" erfolgt, teilte das Ministerium auf Anfrage mit. Bei der Berufung sollte diesmal "ein Fokus auf die evidenzbasierte Medizin und die Methodik gelegt werden". Genau das fordern Kritiker seit langem. Die Impfempfehlungen müssten endlich aufgrund wissenschaftlicher Kriterien erfolgen. Bislang sei es das Ziel der Stiko gewesen, das Impfen voranzubringen. Es müsse aber darum gehen, das medizinisch sinnvolle Impfen voranzubringen.

Das ist gar nicht so einfach. Welche Impfung sinnvoll ist, darüber geben in erster Linie klinische Studien Aufschluss, die allerdings meist im Auftrag der Impfstoffhersteller durchgeführt wurden. Selbst Fachleute benötigen viel Zeit, um solche Studien zu durchdringen und ihre Aussagekraft zu ergründen. Pharmakonzerne beschäftigen ganze Teams von Statistikern, die die Ergebnisse derart bearbeiten, dass die Impfstoffe in besserem Licht dastehen.

Um solche Finten zu durchschauen, genügt es nicht, ausgewiesener Experte in Virologie, Pädiatrie oder Innerer Medizin zu sein. Explizite Studienkenntnisse sind erforderlich.

Gleichwohl sind in der neu berufenen Stiko zwei Personen mit diesen Kenntnissen nicht mehr vertreten: Gerd Antes vom Freiburger Cochrane-Zentrum sowie Annette Nahnhauer vom Bundesverband der Betriebskrankenkassen. Neu dabei sind dafür die Bielefelder Gesundheitswissenschaftlerin Hilke Bertelsmann, die Bremer Präventionsforscherin Edeltraut Garbe, die Epidemiologin Stefanie Klug aus Dresden sowie Marianne van der Sande vom National Institute for Public Health in den Niederlanden.

Gerd Antes verzichtete freiwillig auf eine Neuberufung. Die genauen Gründe für die Berufungen und Abberufungen sind darüber hinaus nur schwer zu durchdringen. Sie lägen "im Dunkeln", beklagte der bisherige Vorsitzende Friedrich Hofmann jüngst im Deutschen Ärzteblatt.

Wegen mangelnder Transparenz geriet die Stiko schon häufig in die Kritik. Auch deshalb brachten die kostspieligen Empfehlungen für Impfungen gegen Schweinegrippe und Papillomviren das Gremium in Verruf. Erst seit zwei Jahren müssen die Mitglieder ihre Beziehungen zur Impfstoffindustrie offenlegen - das war für viele ein erheblicher Aufwand, weil sie so viele Verbindungen haben.

Die Mitglieder verteidigten ihre mitunter lukrativen Nebenjobs stets hartnäckig. Impfstoffforschung sei ohne die Industrie nun einmal nicht möglich, sagte kürzlich noch der Regensburger Virologe Wolfgang Jilg, der nun nicht mehr der Stiko angehört, dem Focus.

In der neuen Stiko sind zahlreiche Mitglieder mit bekannten Industrieverbindungen weiterhin vertreten. Für Pharmakritiker wie Wolfgang Becker-Brüser ist es "unfassbar, dass eine öffentlich besetzte Kommission Geld von Firmen annimmt, über deren Produkte sie entscheidet".

Das Problem wird durch die Strukturen der Stiko noch befördert, die gerade mal zwei Planstellen bietet; alle Mitglieder arbeiten ehrenamtlich. Angesichts ihrer Entscheidungsmacht ist das Budget der Stiko lächerlich klein. Eine Hotelübernachtung im Rahmen der Kommissionsarbeit darf höchstens 83 Euro kosten, Taxifahrten sind verboten.

Das ist keine gute Basis, um den Verlockungen einer milliardenschweren Industrie zu widerstehen, die Kooperationen mit Summen vergütet, die leicht den Jahresetat der Stiko sprengen. "Man tut nicht genug, um diese Kommission wirklich arbeitsfähig zu machen", beklagt Friedrich Hofmann daher. Sie habe nur "Feigenblattfunktion".