Sprachentwicklung Gesten bahnen den Weg

Kleinkinder aus Familien mit hoher Bildung benutzten nicht nur mehr Gesten als jene aus bildungsfernen Familien. Sie verfügten später auch über einen größeren Wortschatz.

Von Katharina Kramer

Das kleine Mädchen blättert in einem Buch. Plötzlich schnellt ihr Finger auf die Abbildung eines Schafes. "Das ist ein Schaf", sagt die Mutter. Das Mädchen zeigt danach so schnell auf eine Kuh und eine Wolke, dass die Mutter mit dem Soufflieren kaum hinterherkommt. Ein banaler Vorgang?

Die Soziologin Meredith Rowe und die Psychologin Susan Goldin-Meadow von der Universität Chicago zeigen im Fachblatt Science vom heutigen Freitag, dass vielfältige Gestik die Vorstufe zu einem großen Wortschatz ist (Bd.323, S. 951, 2009).

An Reichhaltigkeit oder Armut der Gestik mache sich auch der sozioökonomische Status der Eltern bemerkbar, so die Forscher. "Gesten sind kein Beiwerk, sondern integraler Bestandteil der Sprache. Beim Spracherwerb bahnen die Hände den Wörtern den Weg", sagt Goldin-Meadow.

Die beiden Forscherinnen haben 14 Monate alte Kinder aus Chicago neunzig Minuten lang mit der Kamera beobachtet.

Kinder aus Familien mit hoher Bildung benutzten Gesten mit durchschnittlich 24 verschiedenen Bedeutungen. Kinder aus bildungsfernen Familien hatten hingegen nur Gesten für 13 verschiedene Bedeutungen. Drei Jahre später folgte ein Sprachtest. Probanden, die mit vierzehn Monaten viel gestikuliert hatten, verfügten im Mittel über einen passiven Wortschatz von 117 Wörtern. Kinder, die wenig gestikuliert hatten, verstanden hingegen nur 93 Wörter.

Bisherige Forschungen zur Sprachentwicklung von Kindern haben sich meist auf Wörter konzentriert und die Hände nicht beachtet. "Auch unsere Untersuchungen haben ergeben, dass die Sprache der Eltern einen Einfluss auf das Vokabular der Kinder hat", sagt Rowe. "Aber Gesten spielen eine Rolle, die nicht zu vernachlässigen ist."

Dass Gesten zur Sprache gehören, zeigt der Alltag. Hände modellieren, akzentuieren und beschwichtigen - sogar am Telefon, wenn der Gesprächspartner nicht zu sehen ist. Die Zeigegeste ist besonders wichtig. 66 Prozent der Bewegungen bei denn vierzehn Monate alten Kindern fielen in diese Kategorie.

"Die Zeigegeste steht am Anfang der Kommunikation", sagt Ulf Liszkowski vom Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmegen. Mit ihr kann das Kind ausdrücken, was es haben möchte. "Wir lernen Kommunizieren nicht erst durch Sprache, sondern schon durch vorsprachliche Gesten", sagt Liszkowski. "Sie schaffen im Bewusstsein eine Infrastruktur, die von der Lautsprache genutzt wird."

Zeigegesten locken aus Erwachsenen Wörter hervor. Weist ein Kind auf einen Hund, sagt die Mutter: Das ist ein Hund. "So lernt das Kind ein Wort dann, wenn es sich dafür interessiert", sagt Goldin-Meadow. Auch Grammatik erwirbt das Kind durch Gesten. Es sagt beispielsweise "Vater" und zeigt auf einen Hut. Daraufhin hört es: "Das ist der Hut deines Vaters" - und lernt den Genitiv. "Die Gesten, die ein Kind vollführt, tauchen etwa drei Monate später als Worte und grammatische Strukturen in seiner Sprache auf", sagt Goldin-Meadow.

Doch warum gestikulieren einige Kinder weniger als andere? Rowe und Goldin-Meadow entdeckten, dass Kleinkinder aus bildungsnahen Familien doppelt soviele Ideen mit den Händen ausdrücken wie Altersgenossen aus anderen Schichten.

"Sprache und Geste hängen zusammen und Eltern mit höherer Bildung haben oft einen größeren Wortschatz und ein reicheres Gestenrepertoire", sagt Rowe. Bisher war nur bekannt, wie früh sich soziale Unterschiede in der Lautsprache niederschlagen. Schon mit vier Jahren haben Sprösslinge aus bildungsnahen Familien sprachliche Vorteile, die benachteiligte Kinder über die gesamte Schulzeit nicht aufholen.

Die neue Studie belegt, dass sich die Kluft bildet, bevor Kinder sprechen. "Umso wichtiger ist es, mit frühkindlichen Fördermaßnahmen nicht nur auf die Lautsprache abzuzielen, sondern auch Gesten einzubeziehen", so Rowe.