Sportpsychologie Achtung, fertig! Pause.

Wann geht es endlich los? Mitunter kann der Kampfrichter mit dem Startschuss über Sieg oder Niederlage entscheiden.

(Foto: Catherina Hess)

Wenn Kampfrichter beim Startschuss zögern, verschlechtert das die Ergebnisse von Profisportlern. So stark, dass dies über Sieg oder Niederlage entscheiden kann.

Von Sebastian Herrmann

Auf die Plätze! Fertig! Und wann kommt der Knall? Je mehr Zeit bis zum Startschuss verstreicht, desto langsamer kommen Athleten aus den Startblöcken und erzielen schlechtere Ergebnisse. Das berichten Psychologen um Edwin Dalmaijer von der Universität Oxford in Frontiers in Psychology (online). Zögert der Startrichter, beeinflusst das die Laufzeiten offenbar so stark, dass dies etwa im Eisschnelllauf zwischen erstem und fünftem Platz entscheiden könne, so die Wissenschaftler.

Der Effekt ist so deutlich, dass er über Sieg und Niederlage entscheiden kann

Selbst bei Wettbewerben wie den Olympischen Spielen enthält das Startprozedere eine menschliche Komponente. Sobald alle Teilnehmer eines Rennens am Start Aufstellung genommen haben, ertönt das Signal "Set". Bei einem 100-Meter-Lauf nehmen die Athleten auf diese Anweisung hin die Knie vom Boden und richten Beine und Gesäß auf. Wie lange es dauert, bis der Startschuss fällt, hängt nun vom Kampfrichter ab. Die Psychologen um Dalmaijer zeigten dies am Beispiel der 500-Meter-Wettbewerbe im Eisschnelllauf bei den Olympischen Winterspielen 2010. Anhand der Audiospuren ließ sich die verstrichene Zeit zwischen "Fertig" und Startschuss exakt bestimmen. Diese variierte deutlich: Mal vergingen 3,5 Sekunden bis zum Signal, mal etwas mehr als fünf Sekunden. Die Dauer dieser Wartefrist korrelierte mit den erzielten Rennzeiten: Je Extra-Sekunde, die der Kampfrichter verstreichen ließ, benötigten Frauen 672 Millisekunden und Männer 299 Millisekunden länger, um den 500-Meter-Lauf zu absolvieren.

Das reiche, um über Sieg und Niederlage zu entscheiden, betont Dalmaijer. Bei vielen Lauf-, Schwimm- oder eben Eisschnelllauf-Wettbewerben werden nämlich die Zeiten unterschiedlicher Durchgänge verglichen. In den Vorläufen werden zum Beispiel die schnellsten 500-Meter-Sprinter in parallel abgehaltenen Wettläufen ermittelt. Die Athleten mit den schnellsten Zeiten qualifizieren sich für das Finale. Weil diese aber in unterschiedlichen Läufen ermittelt werden, haben Sportler mit einem zögerlichen Startrichter womöglich einen Nachteil. Für sie ist es schwerer, den Finallauf zu erreichen.

Automatische Systeme sollten Kampfrichter ersetzen

Bisher haben die Forscher lediglich diese Korrelation entdeckt. Doch aus Laborexperimenten ist bekannt, dass konzentrierte Anspannung etwa 500 Millisekunden nach einem Reiz wieder nachlässt. In diesen Versuchen präsentierten Forscher ihren Probanden ein Signal, dem ein Ereignis folgte, auf das diese dann reagieren mussten. Verstrichen mehr als 500 Millisekunden, reagierten die Teilnehmer solcher Versuche im Schnitt sowohl langsamer als auch weniger präzise.

Lassen sich solche Laborexperimente aus der Psychologie auf echte Wettkämpfe zwischen Profisportlern übertragen? Die Vermutung liegt zumindest nahe, auch wenn der direkte Beweise noch nicht erbracht ist. Dalmaijer plädiert nun für den Einsatz automatischer Startsysteme, durch die das Zeitintervall zwischen "Fertig" und "Los" stets genau gleich lang dauert. "So können Athleten außerdem ihr Reaktionsvermögen exakt trainieren", schreiben die Psychologen. Und es sei sichergestellt, dass alle Sportler gleiche Chancen haben.

Es fehlen Sekunden

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