Kinder spielen nicht nur zum Spaß. Das Verhalten hat offenbar einen ernsthaften Sinn: Es hilft, das Leben in der komplexen Welt zu meistern.
Mitten in Massachusetts regiert der Wilde Westen. Die Schulkinder der Lexington Montessori Grundschule haben in den nahen Wäldern etwa ein Dutzend Lager aus Ästen, Blättern, Plastikplanen und Strandgut gebaut. Die Unterstände gleichen Wigwams, doch die Kinder nennen sie großmächtig Forts.
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Beim spielen haben Kinder nicht einfach nur Spaß. (© Foto: AP)
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Dort erleben die Banden sechs- bis neunjähriger Jungen und Mädchen in schulfreien Stunden imaginäre Abenteuer fern der Erwachsenenwelt. Sie träumen auf Bäumen, verstecken sich im Unterholz, und etablieren kleine Fürstentümer inklusive Oberhaupt. Mit den anderen Lagern handeln sie - als Währung dienen meist handliche Stecken -, und manchmal bestehlen sie sich auch.
Ein sechsjähriger General
Doch wie der Montessori-Lehrer Mark Powell vor kurzem im Journal Children, Youth and Environments berichtete, geriet das Märchenreich im September 2000 für einige Zeit aus den Fugen. Ein Lager, angeführt von einem sechsjährigen, sich wie Napoleon gerierenden "General", begann Krieg zu führen. Die Bande verbündete sich mit Nachbarforts, spionierte andere aus und griff sie an.
Der Dreikäsemob brach Allianzen, zerstörte Lager und schreckte vor Handgreiflichkeiten nicht zurück. Die anderen Banden setzen sich in Scharmützeln zur Wehr, Blut floss. Erst kurz vor dem Weihnachtsfest kehrte mit dem ersten Schnee und einem von Erziehern und Eltern vermittelten Waffenstillstand wieder Ruhe ein.
"Der Mensch ist nur ganz da Mensch, wo er spielt", sagte Schiller. Das mag angesichts eines Schlachtfelds voller Halbwüchsiger ernüchternd wirken. Dennoch bleibt die Rolle des Spieltriebs für die Spezies Mensch eine spannende Frage.
Forscher sind sich bis heute nicht einig darüber, was Fußball, Malen nach Zahlen oder "Mensch ärgere Dich nicht" zur geistigen Entwicklung eines Kindes beitragen. Was helfen ihm kriegerische Phantasien, zu der reale Drohungen, Betrug, Diebstahl, emotionale wie körperliche Wunden gehören? Auch, welchen evolutionären Wettbewerbsvorteil das scheinbar sinnlose Spielverhalten für Affen oder Hunde hat, ist keineswegs ausgemacht.
"Dennoch", stellt der emeritierte Psychologe Rolf Oerter von der Universität München fest, "ergänzen sich die Erkenntnisse der Verhaltensforschung, Humanpsychologie und Neurobiologie seit einigen Jahren zunehmend. Spielen hilft womöglich, die Flexibilität zu gewinnen, um im späteren Leben mit verschiedensten Situationen zurechtzukommen."
Der Spieldrang ist den meisten Säugetieren angeboren; auch bei einigen Vogelarten findet er sich und sogar Schildkröten schlagen mitunter mit einem Ball die Zeit tot. Will ein Tier mit anderen Unsinn treiben, geht das mit Gesten und Mimik einher, die auch eine scheinbar aggressive Gebärde als Spaß erkennbar machen.
So geben Menschenaffen mit einem aufgerissenen Maul und sichtbaren Zähnen ihre Bereitschaft kund, Schabernack zu treiben - und auch Menschenkinder setzen lachend Spielgesichter auf. Tiere halten sich außerdem an Verhaltensregeln. Ein Hund zeigt bei Nackenbiss Beißhemmung, Katzen lassen ihre Krallen eingezogen. Beim Scheinkampf, dem junge Ratten, Löwen oder Füchse gerne frönen, wechseln sich zudem Jäger und Gejagte in ihren Rollen ständig ab.
Kinder als allmächtige Schöpfer
In der Vergangenheit äußerten Experten oft die Ansicht, der biologische Zweck hinter dem vergnüglichen Zeitvertreib sei das Üben des bitteren Ernsts des Erwachsenenlebens: Beute jagen, sich vermehren und gute Nachbarschaft pflegen. Die Trainingshypothese wird jedoch inzwischen skeptisch betrachtet.
So ließ der Psychologe Tim Caro von der University of California in Davis eine Gruppe Kätzchen mit Objekten spielen, während er einer anderen jegliche Zerstreuung versagte. Zu stattlichen Katzen herangewachsen, stellten sich bei der Jagd alle gleichermaßen geschickt an. Und Erdmännchen, die als Steppkes bei Scheinkämpfen noch brillieren, entpuppen sich später keineswegs zwangsläufig als die erfolgreicheren Raufbolde.
Ähnlich scheint es beim Menschen zu sein. Der Entwicklungspsychologe Peter Smith von der University of London testete bereits in den 1970er Jahren drei- bis vierjährige Kinder. Einigen erlaubte er, mit zwei Stäben nach eigenem Gutdünken zu verfahren, andere wies er gezielt ein, wie sich die Stöcke zusammenstecken ließen.
Doch vor die Aufgabe gestellt, mit drei Stäben an eine entfernte Murmel zu gelangen, fanden alle die Lösung gleich schnell. Smith hätte darauf gewettet, dass die angeleiteten Kinder besser abschneiden würden.
Einige Hirnforscher und Evolutionsbiologen behaupten inzwischen, den Nutzen von Spielen ein Stück besser erklären zu können. Säugetiere werden mit einem Überschuss an Nervenzellverbindungen geboren, die sich im Laufe der kindlichen Entwicklung lichten. Einige synaptische Kontakte werden gestärkt, während andere verkümmern.
Bei diesem Prozess soll dem Spielen eine wichtige Rolle zukommen. So bemerkte der Neurobiologe John Byers von der University of Idaho bereits Mitte der 1990er Jahre, dass Mäusejunge genau in jener Phase am meisten herumtollten, in der sich die Nervenzellen des Kleinhirns verdrahteten. Dass verspieltes Anpirschen oder Fluchtverhalten hier Einfluss nehmen könnten, überrascht nicht - die Hirnregion ist zuständig für Feinmotorik und Körpergefühl. Dennoch: Den Beweis einer ursächlichen Beziehung blieb Byers schuldig.
Dem Neurowissenschaftler Sergio Pellis von der kanadischen University of Lethbridge in Alberta ist es im vergangen Jahr erstmals gelungen, den Zusammenhang von Spielverhalten und Hirnentwicklung eindeutig nachzuweisen.
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Linke mit neuer Führung
Macht es nicht gerade den Menschen aus, dass er sich in jedem Alter aus evolutionärer Perspektive zweckfreiem Tun hingeben kann? Welchen evolutionären Sinn hat es, Fußballfan zu sein, zu Händel-Festspielen zu gehen, seinen Garten zu gestalten? Warum muss menschliches Handeln in das Korsett funktionalen evolutionären Sinns gepresst werden? Sinnvoller wäre es, die Begrenztheit einer evolutionären Betrachtungsweise zu erkennen.