Sozialverhalten Weder Spieltrieb noch die Hoffnung auf Gesellschaft.

Am Ende der einmonatigen Versuchsphase öffneten 23 von 30 Nagern ohne zu zögern die Röhre, wenn ein Artgenosse in ihr eingesperrt war. Dagegen öffneten nur fünf von 40 Ratten die Tür von Röhren ohne Insassen.

Und auch wenn die Röhre mit dem eingesperrten Artgenossen so positioniert war, dass der befreite Kumpel in einen anderen Käfig gelangte als die Helfer-Ratte, tat diese alles, um ihren Freund zu befreien. Die Hilfsaktionen ließen sich also weder durch bloßen Spieltrieb erklären noch mit der Hoffnung auf Gesellschaft.

Dass Ratten Artgenossen in Notsituationen helfen, haben die Forscher damit erstmals eindrucksvoll belegt. Doch eine entscheidende Frage bleibt: Tun sie dies, weil sie die Gefühle des eingesperrten Kumpels wirklich nachempfinden können? Dann würden Ratten über Empathie verfügen - etwas, was bisher nur beim Menschen unumstritten existiert. Schimpansen und andere Menschenaffen können sich mehreren Studien zufolge zwar ebenfalls empathisch verhalten.

Andere Forscher argumentieren jedoch, dass ein Schimpanse seine Gefühle offenlegen müsste, ehe man ihm Empathie unterstellen dürfe. "Um Tieren Empathie nachzuweisen, müssten wir ihre Emotionen kennen", sagt etwa Claus Lamm von der Universität Wien, ein ehemaliger Mitarbeiter Decetys. "Andererseits ist es aus evolutionärer Sicht verwegen zu glauben, dass nur der Mensch Empathie empfinden kann."

Dennoch ist Lamm im Fall der Ratten vorsichtig. Möglicherweise hilft eine Ratte der anderen nur deshalb, weil sie sich beim Anblick des eingesperrten Artgenossen selbst unwohl fühlt. Zum Beispiel stießen die Tiere in der Röhre zu Beginn der Versuche Alarmrufe aus. Vielleicht wollten die umherlaufenden Ratten einfach nur, dass diese Rufe endlich aufhörten - ähnlich wie sich in einem Großraumbüro jemand irgendwann des penetrant klingelnden Telefons eines Kollegens erbarmt, nur damit endlich Ruhe herrscht.

Die Autoren halten diese Erklärung zwar für unwahrscheinlich. Doch auch Jaak Panksepp von der Washington State University gibt in einem begleitenden Kommentar zu bedenken, dass noch ungeklärt sei, ob eher evolutionär primitive neuronale Netzwerke die Hilfsbereitschaft der Ratten steuerten - das spräche gegen die Empathie-Theorie. Spielten hingegen sogenannte Spiegelneurone eine Hauptrolle, würde das die These von den empathischen Ratten stützen.