Sonnenaktivität Europa drohen kältere Winter

Trotz der globalen Erwärmung: Mit milderen Wintern sollten Europäer in den nächsten Jahren nicht rechnen. Im Gegenteil. Schuld ist ausgerechnet die Sonne.

Von Christopher Schrader

Nachdem Europa aus einem langen und harten Winter erwacht ist, fragen sich auch manche Klimaforscher, was die mögliche Ursache dafür war. Wissenschaftler aus England und Niedersachsen geben nun eine Antwort, die man salopp so zusammenfassen könnte: Die Sonne war schuld.

Präziser formuliert lautet die These der Forscher um Mike Lockwood von der Universität im britischen Reading: Eine besonders geringe magnetische Sonnenaktivität macht kalte Winter in Mitteleuropa zurzeit wahrscheinlicher, selbst wenn sich die Welt insgesamt durch den Klimawandel weiter erwärmt.

"Der letzte Winter passte genau ins Muster, auch wenn die geringe Sonnenaktivität nicht die einzige Ursache dafür gewesen sein kann", sagt Ko-Autor Sami Solanki, Direktor am Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung in Katlenburg-Lindau.

Europa bibberte vor allem deswegen, weil statt der üblichen Westwinde vom mild-temperierten Atlantik Nord- und Ostwinde arktische Luft heranschaufelten. Eine weniger aktive Sonne begünstigt solche Wetterlagen offenbar - über eine lange komplizierte Ursachenkette, die die Forscher nicht genau kennen.

Sie machen den Einfluss der Sonne dabei nicht an fehlender Wärme oder Licht fest, sondern an Sonnenflecken und Sonnenwind, also dem Magnetfeld. Es erreicht zurzeit so niedrige Werte wie seit Jahrzehnten nicht mehr und steuert womöglich auf einen Tiefststand zu wie während des sogenannten Maunder-Minimums im 17.Jahrhundert. Damals schufen Landschaftsmaler in Europa Bilder klirrend kalter Winter und zugefrorener Flüsse.

Temperaturen könnten um ein halbes Grad fallen

Die Temperaturen zwischen Dezember und Februar könnten wegen der geringen Sonnenaktivität um ein halbes Grad Celsius fallen, sagen die Forscher (Environmental Research Letters, Bd.5, Nr.24001, 2010). Ihre These leiten sie aus dem Vergleich von Temperaturmessungen in England seit 1659 und Daten über die magnetische Aktivität der Sonne ab.

Die Forscher wollen aber nicht als Skeptiker missverstanden werden, die den Einfluss der Treibhausgase auf das Klima bestreiten. Der Effekt der solaren Aktivität sei auf Winter in Europa begrenzt, weil nur hier die milden Winde blockiert werden könnten.

"Der Zusammenhang war erst erkennbar, nachdem wir den Trend der globalen Erwärmung herausgerechnet hatten", sagt Sami Solanki. Mike Lockwood ergänzt: "Dieser Winter gehörte in Großbritannien zu den 14 kältesten in 160 Jahren, obwohl die globale Durchschnitts-Temperatur die fünftwärmste war. Solche Diskrepanzen sind viel wahrscheinlicher, wenn die Sonnenaktivität niedrig ist."

Dass der Effekt womöglich doch die ganze Welt beeinflusst und den Klimawandel verhindert, bestreitet auch Georg Feulner vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Selbst wenn die Sonne wieder eine jahrzehntelange Phase der Inaktivität wie das Maunder-Minimum erlebte, fiele die globale Erwärmung bis zum Jahr 2100 nur um 0,3 Grad niedriger aus.

Der Temperaturanstieg würde also nur um ein Zehntel abgemildert. "Aber die Kollegen haben ziemlich überzeugend gezeigt, dass es mindestens in Europa trotzdem kalte Winter geben könnte."