Soja Riskanter Kult um die Bohne

Soja gilt vielen als besonders gesundes Nahrungsmittel. Doch Ärzte bekommen immer mehr Zweifel, ob die Pflanze wirklich ungefährlich ist.

Von Kathrin Burger

Japanerinnen klagen kaum über Wechseljahrsbeschwerden. Sie erkranken seltener an Osteoporose, Krebs oder Herzleiden und werden besonders alt. Dass dies an der sojareichen Ernährung der Inselbewohner liegt, mutmaßen Wissenschaftler seit mehr als 20 Jahren.

Schließlich liefert die Bohne hochwertiges Eiweiß, Mineralstoffe und sekundäre Pflanzenstoffe. Deshalb gilt dem gesundheitsbewussten Laien das tägliche Glas Sojamilch als Wundermittel.

Der Absatz an Sojamilch ist laut Marktforschungsinstitut ACN Nielsen im Jahr 2005 weltweit um 30 Prozent angestiegen. "Die Kundenbindung an Soja-Produkte ist sehr hoch", steht in einem aktuellen ACN-Bericht.

Zahlreiche Eltern scheuen sich darum nicht, ihren Kindern Soja-Säuglingsnahrung statt Kuhmilch in die Fläschchen zu füllen. In Israel soll jedes dritte, in den USA jedes vierte Neugeborene mit Soja ernährt werden. In Großbritannien und Italien sind es immerhin fünf Prozent. Zahlen für Deutschland gibt es nicht.

Auch Frauen, die unter Hitzewallungen in den Wechseljahren leiden, versuchen oft eine Kur mit Soja-Präparaten, teilweise auf Anraten des Arztes. Schließlich gelten diese als nebenwirkungsfrei. Doch dafür, dass Soja-Präparate gegen Hitzewallungen helfen, fehlen Beweise. Auch ließ sich bislang nicht belegen, dass Soja-Liebhaber tatsächlich länger leben als Soja-Verächter. Im Gegenteil: Ärzte bekommen immer mehr Zweifel, ob Soja wirklich ungefährlich ist.

Sojamilch sollte bei Säuglingen nicht erste Wahl sein. Der Grund: Die in der Bohne enthaltenen Isoflavone entfalten hormonähnliche Wirkungen im Körper und docken an Rezeptoren in Geschlechtsorganen, Leber oder Gehirn an. Deswegen werden sie auch Phytoöstrogene genannt.

"Da im kindlichen Blut nur geringe Mengen an Geschlechtshormonen zirkulieren, könnte das Gleichgewicht aus dem Lot kommen", so Berthold Koletzko, Vorsitzender der Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ).

Wie Soja genau wirkt, ist bislang unklar. Aus aktuellen Tierversuchen weiß man aber: Das Pflanzenhormon wirkt hochdosiert krebsfördernd bei Neugeborenen, führt zu Fruchtbarkeitsstörungen und beeinträchtigt außerdem die Schilddrüsenfunktion.

Grund zur Sorge geben auch ältere Studien. New Yorker Wissenschaftler entdeckten 1990, dass Kinder mit einer Autoimmunerkrankung der Schilddrüse in den ersten Lebensmonaten häufiger Soja-Nahrung bekommen hatten als ihre gesunden Geschwister. 2001 berichteten Forscher der University of Pennsylvania von Frauen, die als Babys in den 60er und 70er Jahren Soja bekamen. Sie klagten häufiger über lange Monatsblutungen und starke Menstruationsbeschwerden als Personen, die mit Kuhmilchersatznahrung aufgezogen wurden.

Eltern kontern solche Einwände häufig mit dem Argument, dass Kindern in Japan Tofu und Sojamilch offensichtlich auch nicht schade. Dabei wird übersehen, dass asiatische Eltern nach dem Abstillen auch zu Ersatznahrung auf Kuhmilchbasis greifen. "Die Aufnahme von Isoflavonen in den ersten zwei Lebensjahren ist deshalb dort recht niedrig," sagt Sabine Kulling, Lebensmittelchemikerin an der Universität Potsdam.

Allergische Schocks

Die DGKJ rät, Sojanahrung nur bei Babys einzusetzen, die unter angeborener Milchzuckerunverträglichkeit oder Galaktosämie leiden. Beide Stoffwechselstörungen kommen sehr selten vor. Eine Kuhmilcheiweißallergie, die zwei bis fünf Prozent der Säuglinge betrifft, sei hingegen kein Grund, auf Sojamilch umzusteigen, denn laut mehrerer Studien kann Soja statt Kuhmilch im ersten Lebensjahr keineswegs vor Allergien bewahren.

Französische Behörden empfehlen sogar, Kindern unter drei Jahren gar keine Sojaprodukte zu geben. Trotz solcher Warnungen sind mehrere Produkte freiverkäuflich auf dem Markt. "Eigentlich dürften die in Deutschland als bilanzierte Diäten verkauften Sojanahrungen nur unter ärztlicher Überwachung eingesetzt werden, aber die Behörden fordern das nicht ein", sagt Koletzko.

Aber nicht nur Kinder sollten Soja meiden. Auch Allergiker sind betroffen. Derzeit soll in Deutschland etwa einer von 100 Personen an einer Soja-Allergie leiden - Tendenz steigend. Ähnliches gilt für die Lupine, eine relativ neue Kulturpflanze in Europa. Sie wird als Mehl verschiedenen Fertigprodukten im Reformhaus zugesetzt.

Diese Produkte sind für Zöliakie-Kranke, die mit einer entzündeten Darmschleimhaut auf das Getreideeiweiß Gluten reagieren, erdacht worden. Vegetariern wird sie als "Eiweißwunder" und als "so wertvoll wie Soja" angepriesen. Lupinenmehl muss jedoch nicht als Zusatz deklariert werden. Mehrere Fälle von allergischen Schocks wurden mittlerweile in der Fachliteratur beschrieben. Meist waren die Betroffenen auch auf Erdnüsse allergisch.

Auch für Frauen in den Wechseljahren ist Soja nicht uneingeschränkt zu empfehlen. Soja könnte Krebszellen stimulieren. "Frauen in den Wechseljahren, die krebsgefährdet oder an Brust- oder Gebärmutterkrebs erkrankt sind, sollten sich darum nicht über lange Zeit soja-reich ernähren oder gar Präparate einnehmen," sagt Wolfgang Wuttke, Endokrinologe an der Universität Göttingen.

Grund für die Warnung sind Versuche an weibliche Ratten - Sojahormone ließen Krebszellen schneller wachsen; sogar bei in Soja-Extrakten üblichen Konzentrationen. "Das ist problematisch, weil ein Großteil der Frauen nach der Menopause Mini-Tumoren in der Brust trägt, die sich aber oft nicht zu großen Tumoren auswachsen," so Wuttke.

Dass Japanerinnen seltener unter Brustkrebs leiden, erklärt man sich heute so: Isoflavone entfalten wohl nur während der Pubertät ihre krebsschützende Wirkung. Vielleicht liegt es auch gar nicht am Sojakonsum. "Japanerinnen bringen weniger Gewicht auf die Waage, trinken weniger Alkohol und rauchen weniger", gibt die Potsdamer Wissenschaftlerin Kulling zu Bedenken.

Von den aktuellen Studien wird jedoch kaum berichtet. In Blogs, auf Gesundheits-Webseiten oder in Ratgebern wird Soja oft uneingeschränkt empfohlen und als "Zauberbohne" tituliert.

"Auch die Medien berichten nur selten etwas über die Risiken von Soja und Lupine", hat Thomas DeGregori, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Houston beobachtet. Der Mythos Soja bleibt bisher unangetastet. "Fälschlicherweise wird oft angenommen: Was pflanzlich und natürlich ist, ist auch gesund", sagt Kulling.