Skandal um Kälberserum Empörende Blutspur

Kühe stehen in einem Rinderzuchtbetrieb. Wenn trächtige Tiere geschlachtet werden, wird das Blut der noch lebenden Föten abgepumpt.

(Foto: imago stock&people)

Der Skandal um mutmaßlich gepanschtes Kälberserum zeigt: Wichtiger als die Gesundheit von Menschen war Teilen der Fleischindustrie der Profit. Hier droht ein kompletter Markt außer Kontrolle zu geraten.

Kommentar von Markus Balser

Gammelfleisch in der Lasagne, Dioxin im Tierfutter, Pferdebestandteile in Fertiggerichten. Die Fleischindustrie taumelte schon in den vergangenen Jahren von Skandal zu Skandal. Wohl kaum eine andere Branche war zuletzt derart anfällig für Betrügereien wie Schlachthöfe, Weiterverarbeiter und Händler. Die jüngste Affäre um grausame Produktionsbedingungen und Panschereien bei Blutseren aber offenbart in diesen Tagen ein ganz neues Ausmaß von kriminellen Machenschaften und Profitsucht.

Der Betrugsskandal um Serum, gewonnen aus dem Blut ungeborener Kälber in Schlachthöfen weltweit, erschüttert das Vertrauen von Verbrauchern zutiefst. Zum Vorschein kommen mit den Enthüllungen nicht nur empörende Produktionsbedingungen. Denn das fötale Kälberserum wird täglich tausendfach ohne Betäubung gewonnen. Gepanscht, manipuliert und gefälscht wurde damit auch noch ausgerechnet in einem Bereich, der eigentlich besonders strenge Qualitätskriterien unterliegen müsste: im Milliardengeschäft mit tierischen Blutseren, wichtigen Grundstoffen für die Herstellung und Erforschung von Medikamenten und Impfstoffen also.

Schlachthöfe sind zu Sperrzonen geworden, die sich mit Mauern vor neugierigen Blicken schützen

Dass die Realität hinter den Kulissen der Schlachthöfe und Händler oft anders aussieht, als die heile Welt der Fleischwerbung vorgaukelt, ist kein Geheimnis mehr. Schlachthöfe sind nicht umsonst zu Sperrzonen geworden, die gerne mit Mauern und Stacheldraht vor neugierigen Blicken geschützt werden. Der Handel mit Fleischprodukten gilt als knallhartes Milliardengeschäft, in dem zu häufig um Centbeträge gerungen wird und viel zu selten um das Tierwohl.

Neu ist jedoch im jüngsten Fälschungsskandal der Branche der Verdacht, dass hier erstmals ein kompletter Markt droht, außer Kontrolle zu geraten. Zeitweise war offenbar mehr als die Hälfte des weltweit gehandelten Serums aus fötalem Kälberblut gepanscht. Nicht nur wurden die wichtigen Herkunftszertifikate offenbar im großen Stil getürkt. Sie sollen eigentlich garantieren, dass die Seren keine Krankheitserreger aus gefährlichen Regionen enthalten können. Am Ende wurden Mixturen an die Pharmabranche weiterverkauft, deren Inhalt Behörden heute ein Rätsel ist. Klar ist nur: Wichtiger als die Gesundheit von Menschen war Teilen der Branche mal wieder der Profit, mit weit reichenden Folgen. Wichtige Medikamente und Impfstoffe könnten verunreinigt, Forschungsergebnisse vieler Jahre wertlos sein.

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Die Behörden hätten eigentlich gewarnt sein müssen. Wie einfach es ist, mit gefälschten Papieren illegale Ware in legale umzuwandeln, hat schon der europäische Pferdefleischskandal vor zwei Jahren gezeigt - und verdeutlicht: Die Branche braucht schärfere Kontrollen. Passiert ist seither offenbar wenig. Deutschlands Behörden sind auch im jüngsten Manipulationsfall ahnungslos. Ins Rollen gebracht hat die Affäre erst die Klage eines Herstellers. Die zentrale Schwachstelle im Geschäft von Schlachtern und den Händlern von Fleisch und seinen Nebenprodukten sind mangelnde Kontrollen. Staatliche Stellen, die die Industrie überwachen sollten, sind in Deutschland und anderswo hoffnungslos überfordert. Ihre Kompetenzen enden hierzulande spätestens an der nächsten Landesgrenze.

Ermittlungen ließen zwölf Jahre auf sich warten

Einer international organisierten Industrie wird das nicht gerecht. Die wiederum hat sich bestens auf die Situation eingestellt. Die Ware wechselt teilweise so häufig den Besitzer, dass am Ende kaum noch nachzuvollziehen ist, woher sie stammt. Und wer sich über Gesetze hinwegsetzt, kann davon ausgehen, dass dies ziemlich lange ungestraft bleibt. Es dauert teils Jahre, bis selbst schwerste Verstöße auffallen. Bis sie geahndet werden, dauert es noch länger. Im aktuellen Fall sollen die Panschereien schon 2003 begonnen haben. Zwölf Jahre später beginnen deutsche Staatsanwälte mit ihren Ermittlungen. Es ist höchste Zeit, umzusteuern. Mit wirksameren Kontrollen und erzwungener Transparenz. Kaum eine Branche wehrte sich bislang so wirksam gegen mehr Offenheit wie die Agrarindustrie. Nicht mal der Bundeslandwirtschaftsminister weiß derzeit, wie viele trächtige Rinder in Deutschland eigentlich geschlachtet werden.

Die Folge ist eine immer größere Entfremdung von Produzenten und Verbrauchern. Das Misstrauen gegenüber der Agrarbranche, aber auch gegenüber der Politik hat durch immer neue Skandale einen absoluten Tiefpunkt erreicht. Lebensmittel sind eine Sache des Vertrauens - und das müssen sich Industrie und Politik wieder verdienen.