"Warum sollte ausgerechnet dort, wo die passenden Wildpflanzen wuchsen, aus denen Getreide werden konnte, das Wild so selten geworden sein?" Denn: "Wo gutes Gras wächst, sammelt sich auch das Wild." Es sei auch prinzipiell falsch, "Fortschritte" des Menschen immer nur durch Ressourcenknappheit und Existenzangst zu begründen.
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Dann kam die Fleischparty
Vielmehr stehe am Beginn der schrittweisen Domestikation der Überfluss an Tieren: Man begann - natürlicherweise nur, weil es genug davon gab -, die Tiere nicht gleich aufzuessen, sondern mit der Zeit die Wildformen von Schafen, Rindern und Ziegen als "lebende Fleischreserve" zu fangen und zu halten. "Zähmung und Züchtung", so Reichholf, "erfolgten nicht der Not gehorchend."
Und dann kam die Fleischparty. Jene beginnende Vorratswirtschaft in einer noch wesentlich nomadischen Kultur habe sich gewissermaßen in kollektiven Feiermahlzeiten entladen.
Josef Reichholf verweist hier auf Funde wie die erst unlängst entdeckte, bisher älteste menschliche Kultstätte von Göbleki Tepe in Anatolien, die mindestens 12.000 Jahre alt ist; dort finden sich Reliefs von Wildtieren. Und solche Kultereignisse seien eben auch große Besäufnisse gewesen, für die das Getreide ursprünglich verwendet worden sei.
In der Tat hängen ja Rausch und religiöse Transzendenz in vielen Kulturen zusammen; für die Exstase zuständige Priester oder Schamanen kennen sich mit Zauberformeln, Geheimsprache und halluzinogenen Pilzen aus - oder, wie in diesem kulturentscheidenen Fall, mit dem Rezept fürs Bier.
Auf frühen sumerischen Darstellungen sieht man Menschen feierlich mit Strohhalmen aus Tonkrügen trinken, das würde zum ungefilterten Bierbrei der Frühzeit passen; ähnliche Praktiken sollen durch Wanderungen über die Beringstraße bis zu den südamerikanischen Indios gelangt sein, wo das "Chicha"-Bier in Amazonien durch Spucke zum Gären gebracht wird.
Die Aborigines sind hingegen vor mindestens 40.000 Jahren nach Australien gelangt und haben nicht nur keine Nutzpflanzen oder -tiere entwickelt, sondern auch nicht die geringste Alkoholverträglichkeit.
Erst das Bier, dann davon ausgehend das planmäßig angebaute Getreide, dann erst die Sesshaftigkeit (und Städte und Kriege und so weiter) - das ist Josef Reichholfs spektakulärer neuer Vorschlag für den Ursprung der "neolithischen Revolution", den er mit atemberaubendem Überblick über die Wissensfelder und zugleich großer geistiger Unabhängigkeit erreicht, und das in vorbildlich zugänglicher Sprache.
Es wird, es muss Einwände geben: Die Erklärung könnte zu monokausal sein. Die Religionsgeschichte kann Zweifel an der These anmelden, ob mythische Welten, ob Götter und Geister tatsächlich erst, wie Reichholf andeutet, durch den Rausch entstanden sind, sowie die Berücksichtigung der diversen Theorien des Opfers einfordern, die bei Reichholf fehlen.
Auch die von ihm verwendete Verknüpfung von Genetik und Sprachfamilien (nach L.L. Cavalli-Sforza) ist höchst umstritten. Aber Josef Reichholfs Theorie ist ein genialer Denkanstoß, der das berührt, was noch in jedem von uns stecken mag. Prost.
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- Werkzeug-Produktion Neandertaler so fähig wie Homo sapiens 27.08.2008
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- Natürlich Alkohol Das Saufhörnchen 29.07.2008
(SZ vom 11.09.2008/mcs)
Entspannter Vierbeiner
Das mit dem Fleisch ist einleuchtend, denn einen großen Brocken alleine oder zu zweit zu vertilgen dauert zu lange. Da kommen dann langsam die Maden, wenn kein Kühlschrank da ist. Am Rande eines Eiszeitgletschers ist das aber kein Problem. Man kann den Vorrat auf Eis legen (natürlich unters Eis). Sobald aber die Eiszeit zu Ende geht, das Eis aus der Randzone, in der man lebt, verschwindet, dann macht man sich besser zu vielen über das Fleisch her, damit es wegkommt, bevor es verfault. Die Sache mit dem Alkohol (den einer wohl mal in Form von gegärtem Obst dazu mitgebracht hat) war wohl mehr ein Nebenschauplatz des ganzen Verhaltens, der sich dann wohl verselbstständigt haben mag.
Vergorene Flüssigkeiten enthalten im Allgemeinen wenige oder keine Krankheit erregende Keime, auch wenn sie betrunken machen. Da unsere Altvorderen sicher auch guten Beobachter waren, wird ihnen das aufgefallen sein und sie haben diese Beobachtung folgerichtig in Handeln umgesetzt. Im Übrigen ist der Zustand (wenn nicht gerade Koma angesagt ist) ja auch recht angenehm. Nun denn, wie dem auch sei. Der mediteran-europäische Mensch hat auf jeden Fall durch den steten oder regelmäßigen Genuss von Alkohol verstärkt Alkoholdehydrogenase erzeugt, um den Alkohol schneller abzubauen. Überlebt haben halt jene, die am nächsten Morgen fit waren und auf Jagd gehen konnten.
In Asien hat sich in vergleichbaren Zeiten eine Teekultur entwickelt, da abgekochtes Wasser ebenfalls relativ keimfrei ist. Somit war es nicht nötig, dass Asiaten (wenigstens in den meisten Fällen) Alkoholdehydrogenase in den Mengen erzeugen und somit heutzutage relativ schnell betrunken werden vermutet
Kuni
PS es gibt einen interessanten Film: Die lustige Welt der Tiere. Dort kann man sehen, das sowohl Elefanten als auch Affen reichlich von vergorenen Früchten essen und dudeldick dort hinfallen, wo der Vollrausch sie erwischt
der Artikel passt ja auch irgendwie zu der von der Bundesregierung angedachtenn Strafsteuer für die Einstiegsdroge und gefährlichen Alcopop "Radler"
Oder zu den geplanten Warnhinweisen auf allen Behältnissen, die Alkohol enthalten.
Vielleicht sollte aufgrund solcher Artikel auch ein Warnhinweis auf die SZ und das Lesen selbiger erst ab 18 Jahre erlaubt werden.
Hemmungslose Jugendliche könnten diesen Artikel leicht als Anspornung zum Komasaufen nehmen.
Das schlimme ist, es wird genung Leute geben, die mir ernsthaft zustimmen würden...
mit dieser Hypothese ganz gut anfreunden.
Um nicht zu sagen sie gefällt mir :-)
Vorallem, da wir heute Heurigenabend haben. Dabei werde ich aus eben dieser neuen Erkenntnis in absolute Dummheit oder Ekstase (je nach dem was zuerst kommt) saufen um meinen Vorfahren zu huldigen und ihnen näher zu sein.
Wenn jetzt noch jemand die Pille für den nächsten Tag erfinden würde, würde meine Dankbarkeit keine Grenzen mehr kennen.......
Nein, sie haben aus einem anderen Grund rot bekommen. Auch nüchtern kann man daneben liegen. Und sie liegen mit ihren Vorwürfen daneben.
Zurück zum Thema. Beim Übergang von Jagd auf Ackerbau gab es immer das Problem warum und wieso. Das ersten nicht gezüchteten Getreide bedeutete viel weniger Ertrag und viel mehr Arbeit als die Jagd. Wieso haben unsere Vorfahren dann überhaupt damit angefangen? Obige These ist da eine sehr interessante Theorie.
Paging