Archäologie-Serie Im Zeichen des Einhorns

Ein quadratisches Siegel mit Indus-Schrift.

(Foto: mauritius images)

Die Indus-Schrift kombiniert Silben mit rätselhaften Bildern. Die Schriften sind so kurz, dass sie noch niemand entziffern konnte.

Von Esther Widmann

In den Städten der Menschen, die zwischen 3500 und 1900 vor Christus im Indus-Tal lebten, hatten die Häuser Toiletten und ein modernes Abwassersystem. Die Bewohner trieben Handel und nutzten eine Schrift - vermutlich zur Verwaltung. Kriege gab es dort zu dieser Zeit wahrscheinlich nicht. Die sogenannte Indus-Kultur des heutigen Pakistan und Nordwestindien gilt als ebenbürtig zu den weitaus berühmteren Gesellschaften, die sich zur gleichen Zeit in Mesopotamien oder Ägypten herausbildeten. Doch anders als die Keilschrifttexte aus dem heutigen Irak und die Hieroglyphen aus dem Land der Pharaonen ist die Schrift der Indus-Kultur nach wie vor nicht entziffert.

Das liegt auch daran, dass die Inschriften sehr kurz sind und durchschnittlich nur fünf Zeichen umfassen. Der längste bekannte Text hat 26 Zeichen. Oft gesellt sich zur Schrift die Abbildung eines Tiers: eines Elefanten oder eines Wasserbüffels und eines Wesens, das eindeutig aussieht wie ein Einhorn. Einigermaßen sicher ist nur, dass die Schrift von rechts nach links gelesen werden muss. Doch welche Sprache die oft auf Siegel gravierten Zeichen abbilden, weiß niemand.

Die Frage ist nicht nur von linguistischem Interesse. In Indien wird sie auch für politische Zwecke instrumentalisiert: Vor allem nationalistische Hindu-Politiker fänden es gut, wenn es sich bei der Indus-Sprache um eine frühe Form von Sanskrit handeln würde und sich so eine seit dem 3. Jahrtausend ununterbrochene indische Identität nachweisen ließe. Die meisten Wissenschaftler tendieren aber eher zu einer frühen Sprache aus der dravidischen Familie, zu der zum Beispiel auch Tamil gehört. Die Anzahl der Zeichen lässt vermuten, dass es sich um eine logosyllabische Schrift handelt, also eine Mischung aus Bildzeichen, die ein ganzes Wort repräsentieren, und aus Silben.

Was steht denn da?

Die SZ-Serie beschäftigt sich mit Schriften, die noch niemand entziffert hat. Letzte Folge: Die Rongorongo-Schrift.

Weil die Zeichenfolgen so kurz sind, zweifeln manche Forscher aber an, dass es sich überhaupt um eine Schrift handelt. Rajesh Rao von der University of Washington hat mithilfe einer Computeranalyse jedoch festgestellt, dass die Muster in den Zeichen eher für die Darstellung von Sprache typisch sind als für ein nicht-linguistisches System. Ansonsten haben Computer bisher erstaunlich wenig zur Entzifferung alter Sprachen beigetragen.

Nicht ausgeschlossen ist, dass das Fehlen längerer Texte in Indus-Schrift auch einfach dem dürftigen Forschungsstand geschuldet ist: Nur etwa zehn Prozent von archäologischen Stätten der Indus-Kultur sind ausgegraben. Das liegt auch an ihrer geografischen Position im konfliktgeladenen Grenzgebiet von Indien und Pakistan. Falls es dort irgendwann einmal wieder friedlicher werden sollte, finden sich vielleicht auch mehr Hinweise auf die Sprache hinter der Indus-Schrift. Und, wer weiß, vielleicht auch die Knochen eines Einhorns.

Spricht hier jemand Protoelamisch?

Bereits vor 5000 Jahren entwickelten die Menschen im heutigen Iran ein Schriftsystem. Niemand weiß, um welche Sprache es sich handelt oder wie die Wörter zu lesen sind. Trotzdem können Forscher die Texte verstehen. Von Esther Widmann mehr...