Serie: 200 Jahre Darwin (13) Evolutionäre und philosophische Ethik - ein Unterschied

Dass die evolutionäre Ethik "Moral" mit einer bestimmten Art von Verhalten, nämlich mit altruistischem Verhalten, gleichsetzt, liegt natürlich auch an der Tatsache, dass Verhalten ein empirisch zugängliches Phänomen ist. Zumindest bei Tieren gibt es kein anderes empirisch zugängliches Phänomen, anhand dessen ihre (Proto-)Moral untersucht werden könnte.

Charles Darwin

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Beim Menschen ist das aber anders. Menschen verhalten sich nicht nur moralisch; sie verfügen auch über moralische Normen, nach denen sie ihr Handeln wechselseitig bewerten. Wenn im Alltag von "Moral" die Rede ist, meinen wir oft gerade die moralischen Normen.

Verhalten und Normen

Und die philosophische Ethik nimmt das tatsächliche Verhalten von Menschen meist nur beiläufig in den Blick und konzentriert ihre Aufmerksamkeit auf einzelne Normen oder auch ganze Normengefüge.

Dieser Unterschied zwischen evolutionärer und philosophischer Ethik verdient festgehalten zu werden. Denn zwischen Verhalten und Normen besteht ein kategorialer Unterschied.

Das erstere ist ein körperlicher Vorgang, der unmittelbar an die jeweilige biologische Konstitution des betreffenden Organismus gebunden bleibt und daher mit den Mitteln der Biologie gut untersucht werden kann.

Normen hingegen lösen sich von dieser biologischen Konstitution mehr oder weniger ab. Sie entstehen als implizite verallgemeinerte Verhaltenserwartungen zwischen den Individuen. Sie können dann explizit versprachlicht und bisweilen auch verschriftlicht werden. In einigen Fällen werden sie darüber hinaus auch förmlich institutionalisiert, etwa im Recht.

Auf diese Weise gewinnen sie ein außerbiologisches Dasein. Ähnlich wie Werkzeuge, können sie als Artefakte aufgefasst werden, die eine (relativ) selbständige Existenz haben. Ein Faustkeil ist zunächst nur eine Verlängerung der menschlichen Hand; im Unterschied zu ihr kann er aber von verschiedenen Personen benutzt, in der Generationenfolge vererbt und schrittweise verbessert werden.

Beispiel Faustkeil

Während die Hand als Organ eng an biologische Faktoren gebunden bleibt, entgleitet der Hammer diesen Faktoren und gerät unter den Einfluss anderer, die sich als "kulturell" charakterisieren lassen.

Ähnliches geschieht mit den moralischen Normen. Entstanden als verallgemeinerte und versprachlichte Verhaltenserwartungen, lösen sie sich von diesen biologischen Wurzeln. Sie können (wie der Faustkeil) von mehreren Individuen geteilt und in der Generationenfolge weitergegeben werden.

Die Individuen können sie "bearbeiten" wie den Faustkeil, d. h. sie können über diese Normen diskutieren, sie können sie aus Gründen verändern oder aufgeben. Genau hier setzt im übrigen die philosophische Betrachtung der Moral ein; sie ist ein Beitrag zu dieser kulturellen "Bearbeitung".

Sie versucht die Moral besser zu verstehen, ihre Normen kritisch zu prüfen und rational zu begründen. Sie nistet sich genau in dem Spielraum ein, der durch die Verselbständigung der Normen gegenüber dem Verhalten, durch den Übergang von der biologischen zur kulturellen Existenzweise entsteht, und nutzt ihn für ihre Überlegungen zu der Frage: Welche Normen sollen (z. B. aus Gründen der Vernunft oder des Wohlergehens) gelten?

Natürlich darf man diesen Spielraum nicht überschätzen. Wir können unsere biologische Konstitution nicht ablegen wie ein Kleidungsstück. Eine Moral, die uns den Verzicht auf Essen und Trinken abverlangen würde, hätte sicher keine lange Lebenserwartung: Sie würde mit denjenigen sterben, die ihre Vorschriften befolgen.

Biologie lässt einen Spielraum

Doch auch wenn die Normen immer nur eine relative Selbständigkeit gegenüber den biologischen Faktoren haben können, bleibt doch ein Spielraum, der groß genug ist für die Entwicklung unterschiedlicher, ja divergierender Normensysteme.

Wenn in einigen Ländern die Abtreibung verboten, in anderen hingegen erlaubt ist, dann wird man dies wohl kaum darauf zurückführen können, dass die biologische Konstitution der Menschen in diesen Ländern unterschiedlich ist. Man beachte, dass damit eine Norm angesprochen ist, die unmittelbare Auswirkungen auf den biologisch so eminent wichtigen Fortpflanzungserfolg hat.

Man sollte erwarten, dass der Korridor der biologisch möglichen Lösungen hier besonders eng ist. Tatsächlich aber lässt gerade dieses Beispiel den Einfluss jener kultureller Faktoren deutlich werden, die von den evolutionären Ethikern gern unterschätzt werden.

Stellen wir uns abschließend einen Evolutionstheoretiker vor, der sich nicht mit der Moral, sondern mit der Physik befasst. Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass er auf diesem Gebiet vieles Interessante zu erforschen hätte.

Er könnte zunächst ganz allgemein geltend machen, dass auch Physiker keine freischwebenden Geister, sondern leibhaftige Menschen sind, deren Tun und Lassen von biologischen Faktoren abhängt. Er könnte dann in einem zweiten Schritt darauf hinweisen, dass alle Fähigkeiten, die Physiker benötigen, um ihre Theorien zu entwickeln und experimentell zu testen, evolutionär entstanden sind.

Bäume sind auch Kultur

Weiter könnte er die Triebkräfte herausarbeiten, die Menschen dazu bringen, sich mit physikalischen Fragen zu beschäftigen; es wäre sicher nicht schwer, dabei auch auf die Maximierung des Fortpflanzungserfolges zu stoßen. Schließlich könnte er auch den biologischen Nutzen der Physik für die Menschheit insgesamt herausarbeiten, die Sicherung des Überlebens durch Technik beispielsweise.

Auf diesem Wege könnte er die biologischen Wurzeln der Physik freilegen. Eines aber sollte er gar nicht erst versuchen: Aus diesen Befunden schließen, dass der Inhalt der physikalischen Theorien, das Newtonsche Gravitationsgesetz oder die Heisenbergsche Unbestimmtheitsrelation etwa, biologisch determiniert sei.

Zugegeben: Physik und Moral sind nicht dasselbe. Doch insoweit sind sie ähnlich, als sich ihr jeweiliger gedanklicher Inhalt nicht restlos aus den biologischen Wurzeln ergibt.

Daraus lassen sich zwei Einsichten gewinnen. Die erste besteht darin, dass die Freilegung ihrer biologischen Wurzeln kein Anschlag auf die Moral ist. Eine wirkliche Provokation kann die evolutionäre Ethik nur für diejenigen sein, die daran festhalten wollen, dass die Menschheit die moralischen Normen auf dem Berg Sinai von höchster Stelle fix und fertig mitgeteilt bekommen hat.

Die zweite Einsicht besteht darin, dass mit der Freilegung ihrer biologischen Wurzeln noch lange nicht alles über die Moral gesagt ist. Selbst über Bäume gibt es mehr zu wissen, als die Biologie uns vermitteln kann. Die Zeiten eines Ernst Haeckel, der die Evolutionstheorie für den Zauberschlüssel zur Lösung aller Welträtsel hielt, sollten vorbei sein.

Der Autor Kurt Bayertz lehrt praktische Philosophie an der Universität Münster. Er veröffentlichte das Buch "Warum überhaupt moralisch sein?" (Verlag C.H. Beck, 2004) und ist Mitherausgeber des dreibändigen Werks "Weltanschauung, Philosophie und Naturwissenschaft im 19. Jahrhundert" (2007).