Moral kann doch nicht nach denselben Prinzipien erklärt werden wie die Körperbehaarung! Aber warum eigentlich nicht? Was uns die Biologie vorschreibt - und wo sie Spielraum lässt.
Seit ihrer Entstehung ist die Theorie Darwins dem Verdacht ausgesetzt gewesen, die Moral (und natürlich auch die Religion) zu untergraben. Von Ausnahmen abgesehen, haben das die Vertreter dieser Theorie energisch bestritten.
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Affen "verhalten" sich, mal offen, mal aggressiv, mal altruistisch - doch gesellschaftliche Normen kennen sie nicht. (© Foto: AP)
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Bereits Darwin selbst hat in seinem 1871 erschienenen Buch "Die Abstammung des Menschen" die Moral als den weitaus bedeutungsvollsten Unterschied zwischen Mensch und Tier charakterisiert und sich eingehend mit ihrer Entstehung beschäftigt.
Spätere Evolutionstheoretiker sind noch einen Schritt weiter gegangen und haben den Spieß umzukehren versucht. Wie weit, so fragen sie, haben es denn die philosophischen und theologischen Hüter der Moral gebracht?
Haben sie Fundamente zu legen vermocht, auf denen die Moral sicher stehen kann? Offenbar nicht! Bei Philosophen und Theologen scheint die Moral daher nicht in den richtigen Händen zu sein.
Die Ethik, so forderte der Soziobiologe Edward O. Wilson in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts, dürfe nicht länger denen überlassen bleiben, "die lediglich weise sind". Die Zeit sei gekommen, die Ethik auf wissenschaftliche Füße zu stellen: auf die Füße der Evolutionstheorie.
Die Grundidee einer solchen "evolutionären Ethik" besteht darin, dass der Mensch kein übernatürliches, sondern ein biologisches Wesen ist, dessen Lebensäußerungen von biologischen Faktoren abhängt. Auch die Moral macht davon keine Ausnahme. Und wenn das so ist, dann kann für sie ebenso eine evolutionäre Erklärung gegeben werden, wie für alle anderen Verhaltensweisen oder körperlichen Merkmale des Menschen.
In ihrem Kern besteht eine solche Erklärung immer darin, die Vorteile zu identifizieren, die ein solches Verhalten oder Merkmal für die "Fitness", also den Fortpflanzungserfolg der betreffenden Organismen bietet. Auf lange Sicht, so die einleuchtende Grundthese, kann sich auch moralisches Verhalten nur dann durchsetzen, wenn es zu einer möglichst zahlreichen Nachkommenschaft beiträgt.
Keine Erfindung weltfremder Moralisten
Eine solche Deutung wird von vielen als Provokation empfunden. Die Moral kann doch nicht nach denselben Prinzipien erklärt werden wie die menschliche Körperbehaarung! Aber warum eigentlich nicht? Wem an der Moral gelegen ist, der sollte nicht protestieren, wenn die empirische Wissenschaft ihre Wurzeln in den Natur aufzuspüren versucht.
Dass die Moral eine Geschichte, auch eine Naturgeschichte hat, ist ihrer Würde durchaus nicht abträglich. Es ist eher ein Hinweis darauf, dass sie keine Erfindung weltfremder Moralisten, kein Instrument theologischer Dunkelmänner und kein Hirngespinst philosophischer Phantasten ist, sondern eine biologische Notwendigkeit.
Aber was heißt hier Moral? Nehmen wir etwa einen Verhaltensforscher, der mit Schimpansen arbeitet und beobachtet, wie das eine Tier dem anderen zur Hilfe kommt oder es tröstet, nachdem dieses von einem Artgenossen angegriffen wurde.
Nehmen wir weiter an, dass sich die Beispiele für empathisches, dankbares oder altruistisches Verhalten als keineswegs selten erweisen. Daraus kann dann geschlossen werden, dass das moralische Handeln von Menschen nur ein spezieller Fall einer viel allgemeineren, auch unter Tieren verbreiteten Disposition zu moralischem oder proto-moralischen Verhalten ist.
Das nimmt uns Menschen zwar ein Stück von unserer Besonderheit, stellt die Moral aber zugleich auf ein breiteres Fundament in der Natur. Ähnlich ist es mit den Befunden der Soziobiologie, nach denen die Opfer, die (tierische ebenso wie menschliche) Eltern für ihre Kinder erbringen, eine solide genetische Basis haben. Da Fürsorge für die eigenen Kinder zweifellos eine moralische Norm ist, kann der Soziobiologe auf biologische Wurzeln dieser Norm verweisen.
Empathie und Aggression
Bevor wir uns über dieses Ergebnis allzu sehr freuen, sollten wir aber eine Frage stellen. Woher weiß der Verhaltensbiologe, dass gerade das Trösten eines angegriffenen Tieres (proto-)moralisch ist? Immerhin ist der getröstete Affe ja von einem Artgenossen angegriffen worden; warum gilt dieser Angriff nicht als (proto-)moralisch?
Primaten, so sehen wir an diesem Beispiel, haben ein Verhaltensrepertoire, das Empathie ebenso einschließt wie Aggression. Beide Verhaltensweisen sind "natürlich" und beide, so nehmen wir an, haben eine biologische Funktion.
Wenn unser Verhaltensforscher nur die erste der beiden als Wurzel der menschlichen Moral charakterisiert, so geht er von einem kulturell geprägten Vorverständnis von dem aus, was "moralisch" ist und was nicht.
Allgemein ausgedrückt: Eine evolutionäre Ethik kann zwar ein bestimmtes Verhalten biologisch erklären, sie kann es aber nicht aus biologischen Gründen als (proto)moralisch charakterisieren.
Das heißt: Eine biologische Ethik kann ihren Gegenstand nicht aus sich selbst heraus bestimmen. Sie ist nicht voraussetzungslos, sondern muss sich von anderer Seite sagen lassen, was Moral überhaupt ist - und kann erst dann nach ihren biologischen Wurzeln fahnden.
Aufopfernde Eltern
Dass es, wie wir hier sehen, kein biologisches Moralitätskriterium gibt, ist zwar kein Fehler der evolutionären Ethik. Es zeigt aber eine prinzipielle Grenze jeder Biologisierung der Ethik.
Die Relevanz dieses Punktes ist beträchtlich. Sie zeigt sich daran, dass um die Frage, was Moral eigentlich ist, ausgedehnte Debatten geführt werden: nicht nur in der Philosophie, sondern in modernen Gesellschaften allgemein.
Obwohl die Antwort durchaus nicht von vornherein klar ist, gehen die evolutionären Ethiker von einem sehr spezifischen Verständnis von "Moral" aus, als wenn es sich dabei um eine Selbstverständlichkeit handelte. Moral wird nämlich mit Altruismus gleichgesetzt.
Der Schimpanse, der einem anderen hilft, verhält sich altruistisch und also moralisch; ebenso die Eltern, die für ihre Kinder Opfer bringen. Nun ist zwar schwer bestreitbar, dass Moral und Altruismus miteinander verwandt sind, ihre Gleichsetzung ist jedoch schlicht falsch.
Denn die Moral ist zugleich enger und weiter als der Altruismus. Enger, weil nicht jedes altruistische Verhalten moralisch ist. (Wer Geld stiehlt, um es zu verschenken, handelt vielleicht altruistisch, aber nicht moralisch.) Weiter, weil die Moral unverzichtbarerweise Gerechtigkeit einschließt.
Diese ist nicht auf Altruismus reduzierbar, denn sie folgt einer ganz anderen "Logik": einer Logik der Unparteilichkeit, deren biologische Wurzeln mehr als dünn sind.
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Machtkampf in der Linken
Altruismus ist eine Facette der Moral und nützlich, weil Gemeinschaften mit gleichen Lebenszielen inklusive Altruismus den Mitgliedern eine vertrauensvolle und damit effektivere Zusammenarbeit ermöglicht. Es müssen weniger Ressourcen in die Überwachung der Sozialpartner investiert werden.
Zitat: wenn der Mensch...., dann frage ich mich....
Diese Frage ergibt sich nicht aus diesem Artikel!
Heute wird es nicht mehr als vertretbar angesehen, wenn Menschen in Afrika eingefangen und als Sklaven sonst wohin verkauft würden. Ich denke also, dass sich die Moral verändert hat.
nix anderes ist als eine Ansammlung sich evolutionär entwickelnder chemischer Prozesse, frage ich mich, mit welchem Recht wir eigentlich glauben, zu Lasten anderer chemischer Verbindungen leben zu dürfen. Was für ein Schmarrn
hat sich die moral sagen wir mal die letzten 2000 Jahre entwickelt? die techik hat sich verändert, die kultur auch, was ist mit der moral?
Paging