Von Richard Friebe

Wanderjahre für die Wissenschaft: Die vielen Stationen seiner fünfjährigen Weltreise lieferten Charles Darwin die Puzzlestücke für seine Theorie.

Kein Strand, keine Sehenswürdigkeit - es gibt eigentlich keinen Grund, an diesem Ort nördlich von Rio de Janeiro Halt zu machen. Allerdings hat genau hier auf der Fazenda Itaocaia an Brasiliens Küste vor knapp 180 Jahren ein berühmter Europäer mittags Rast gemacht.

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Charles Darwin reiste fünf Jahre auf dem Forschungsschiff Beagle um die Welt. (© Foto: dpa)

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Charles Darwin notiert am Abend jenes 8. April 1832 in sein Tagebuch, dass es "gewaltig heiß" gewesen sei. Er schreibt auch von jenem "Wald, in dem die Pracht all seiner Teile unübertrefflich war". Sonnenstrahlen durchdringen das verschränkte Blätterdach, große, schillernde Schmetterlinge umflattern den jungen Engländer, der schreibt, er sei "vollkommen ratlos, wie er die Szenen im Wald gebührend bewundern könnte". Es ist kein gewöhnlicher Tag, es ist der Tag, an dem die Verwandlung Darwins von einem bloßen Beobachter und Sammler exotischer Pflanzen und Tiere zu einem der wichtigsten Naturforscher aller Zeiten einsetzt.

Die Weltumseglung auf dem Forschungsschiff Beagle gilt als das entscheidende Ereignis auf Darwins Weg zu seiner Theorie der Evolution durch natürliche Selektion. Oft wird die fünfjährige Reise auf die fünf Wochen reduziert, die Darwin auf den Galapagos-Inseln verbrachte. Tatsächlich waren andere Orte mindestens genauso wichtig für seine Entwicklung: ein Erdbebengebiet in Chile, die Wasserscheide hoch in den Anden, Korallenriffe in der Südsee - und Rio, wo Darwin nach der Abreise aus Europa den ersten längeren Landausflug unternahm. Es ist der Beginn langer Expeditionen, er verbringt auf der Reise nur 18Monate an Bord und mehr als drei Jahre an Land. Es waren, schreibt der Harvard-Biologe Edward O. Wilson in seiner Einleitung einer Neuausgabe des Beagle-Reiseberichtes, die Wanderjahre der wissenschaftlichen Entwicklung Darwins.

Darwin als Gentleman-Naturalist und Geologe

In Rio bricht er auf, um zwei Wochen lang ins Hinterland zu reisen und Proben zu nehmen. Zwei Tage, die er dabei im Wald verbringt, bezeichnet er als "besten Teil der ganzen Expedition", weil es ihm gelingt, "viele Insekten und Reptilien zu sammeln". Darwin ist noch ganz der Gentleman-Naturalist, der reiche Sammler. Er nimmt Pflanzenproben, tötet und konserviert Tiere - und zwar nicht, weil er glaubt, sie könnten ihm bei der Arbeit an irgendeiner Theorie helfen.

Nein, in jener Zeit stellt eine ordentliche Sammlung einen echten monetären Wert dar und ist der wichtigste Nachweis einer erfolgreichen Forschungsreise. Erst nach der Rückkehr nach England sollten die vielen Stücke zu einem wichtigen Baustein seiner Evolutionstheorie werden. Auf der Reise jedoch interessiert die lebende Natur Darwin eigentlich nur nebenbei. Obgleich der studierte Theologe in England das Käfersammeln als Hobby gepflegt hatte, wollte er auf der Beagle vor allem eines sein: Geologe.

Dabei leitet ihn neben seiner Neugier auch das Glück, besonders als er im Februar 1835 bei Valdivia in Chile ein starkes Erdbeben erlebt. Nach drei Jahren Forschungsreise und einer langen Zeit in Patagonien und Feuerland genügt Darwin allerdings das bloße Dabeisein und Dokumentieren nicht mehr. Er will die Natur nicht nur beschreiben, sondern verstehen, Theorien aufstellen und mit Fakten untermauern. Darwin macht sich daran, unterstützt vom Kapitän der Beagle, Robert FitzRoy, die Brüche der Landschaft zu vermessen.

Um mehr als zwei Meter hat sich die Küste bei Valdivia angehoben, stellt der Kapitän fest. Wenn solche Hebungen, viele von ihnen, in der Erdgeschichte immer wieder stattgefunden haben, schließt Darwin, können sie auch die Funde von Meeresfossilien hoch in den Bergen erklären. Er führt seine Beobachtungen mit der Theorie einer sich beständig langsam bewegenden Erdkruste zusammen, die der damals noch verlachte Geologe Charles Lyell in seinem Werk "Principles of Geology" vertrat, das für Darwin zu seiner Reise-Bibel geworden ist.

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