Von Stephan Speicher

Was bedeutete Charles Darwins "Entstehung der Arten" für die Künste? Das möchte zum Darwin-Jahr eine Ausstellung in der Frankfurter Schirn herausfinden.

Das ist die Welt im alten Glauben: "Regenzeit in der Tropen" von Frederic Edwin Church. Links aufragende Felsformationen, rechts eine Urwaldszenerie, im Hintergrund liegt eine Stadt am See. Über allem aber strahlt ein Regenbogen.

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"Spiel der Najaden". Wasser, Muschel, Fischgestalt sind häufige Motive bei Arnold Böcklin. (© Foto: oh)

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Jeder Betrachter - das Bild wurde unter größtem Beifall auf der Pariser Weltausstellung 1867 gezeigt - wird an den Regenbogen gedacht haben, den Gott nach der Sintflut erscheinen ließ. Aber deutlicher noch als der bekannte Symbolgehalt spricht die Form, die Church der Himmelserscheinung gab. In ihrer kristallenen Festigkeit ist sie Garant der göttlichen Ordnung, wie sie sich über allem Irdischen in ewiger Klarheit wölbt.

Der Glaube an diese göttliche Ordnung war gerade tief erschüttert worden durch Charles Darwins "Entstehung der Arten", 1859 erschienen. Keine wissenschaftliche Theorie des 19. Jahrhunderts hat solche Leidenschaften erregt. Anders als die Fortschritte der Physik konnten die Überlegungen Darwins jedem bildhaft vor Augen treten. Die Seiten im Buch der Natur, die hier aufgeblättert wurden, waren nicht in der Sprache der Mathematik geschrieben.

Was bedeutete das für die Künste? Das möchte zum Darwin-Jahr eine Ausstellung in der Frankfurter Schirn herausfinden. Klugerweise hat die Kuratorin Pamela Kort nicht versucht, die Kunst zum Zeugen der Wissenschafts- oder Kulturgeschichte zu machen. Nicht Darwin und seine Erkenntnisse sind das Thema, nicht Naturwissenschaft, Religion, Idealismus oder Materialismus im weltanschaulichen Streit. Um die Kunst und ihre Reaktion auf Darwin soll es gehen.

Das Ergebnis ist eine Ausstellung, die animiert, die vieles zeigt, was das Publikum kaum kennt, und der die durchschlagende geistige Kraft doch fehlt.

Ohne Darwin ist Max Ernst nicht zu denken

Wenn wir von Darwin und seiner Wirkung auf Kunst und Künstler sprechen wollen, wer käme da in Betracht? Die ganz großen Gestalten offenbar nur in kleiner Zahl, sie fehlen jedenfalls in der Ausstellung wie im Katalog - immer vorausgesetzt, dass unsere Vorstellungen von großer Kunst der Jahre 1859 ff noch richtig sind. Max Ernst und Arnold Böcklin bilden in Frankfurt die Ausnahmen als bedeutende Namen der Kunstgeschichte.

Doch schon bei Max Ernst zeigen sich die Probleme der Beziehung. Max Ernst hat Darwins Lehren gekannt, namentlich war er fasziniert von einem Katalog für Lehrmittel, die an Schulen verkauft werden sollten und auch Wandkarten zur Erdgeschichte und Evolution umfassten. Damit hat er gearbeitet, ohne Darwin ist Max Ernst so nicht zu denken.

Aber ist es mehr als Materialgebrauch? Es liegt ja auf der Hand, was Ernst an den Lehrmitteln so liebte: den Saurier im Klassenzimmer, die Jahrmillionen der Erdgeschichte in der Schulstunde, das Ungeheuerlichste in der Erziehungsanstalt. Das allein lässt sich als surrealer Akt verstehen. Dass die Natur eine Geschichte hat, die auch über uns heutige hinweggehen wird, das ist für Max Ernst ein Thema.

Das Traumhafte in vielen Werken, das Zusammenfügen des Nichtzusammengehörigen dagegen ist kaum darwinistisch. Die Kunst nimmt aus der Wissenschaft, was sie anspricht, Einzelnes. Darwinismus ist aber ein Denken in Systemen.

Und wie steht es mit Arnold Böcklin? Zeitgenossen haben ihn als Darwinisten angesehen. Doch ist "Triton und Nereide" ein Bild der Naturgeschichte? Die Nereide in Menschengestalt räkelt sich mit geöffneten Beinen auf dem Felsen, hinter ihr bläst ein fischgeschwänzter Triton in eine Muschel, eine Schlange im Vordergrund hebt ihren Kopf zu der Nereide.

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