So behauptet George McCready Price, ein Sieben-Tage-Adventist, in seiner 1923 erschienenen "New Geology", Leben auf der Erde sei relativ jung. Die große Sintflut habe dann die gesamten Lebensumstände tiefgreifend verändert. Die meisten fossilen Nachweise für Evolution stammten aus der kurzen Zeit der Sintflut und der ihr folgenden Jahrhunderte. Dass McCready Price seine Position selbst als "New Catastrophism" charakterisiert, lässt eine intime Zeitgeistaffinität kreationistischer Theoriebildung erkennen.
Anzeige
Mit seiner Sintflutgeologie findet er nur in der eigenen Sekte Zustimmung und wird von der Mehrheit der Kreationisten bekämpft. Diese Gegner halten an einer religiös überformten Evolutionsbiologie als Leitdiskurs fest. McCready Price hingegen betont die Deutungsmacht der Geologie. Mit John C. Whitcombs Jr. und Henry M. Morris' "Genesis Flood" von 1961 und der Gründung der Creation Research Society 1963 setzt sich seine Glaubensgeologie im Kreationismusdiskurs als herrschende methodische Meinung durch.
Seit 1980 haben die Sintflut-Geologen den Kreationismusbegriff erfolgreich für sich besetzt. Sie argumentieren konsequent politisch. Lasse sich die Sintflut-Geologie wissenschaftlich erhärten, sei die evolutionistische Kosmologie der Darwinisten ins Unrecht gesetzt. Wer Evolution als ideologisches Konstrukt entlarve, zerstöre zugleich das kognitive Fundament antichristlicher Weltanschauungen wie Kommunismus, säkularer Humanismus und Libertinismus.
Anders als in Europa arbeiten in den USA eine ganze Reihe bedeutender Wissenschaftler für kreationistische Organisationen. Auch sind hier in den letzten zwanzig Jahren mehrere große Forschungsinstitute gegründet worden, allen voran das "Institute for Creation Research and Answers in Genesis" in Seattle.
In der liberalen amerikanischen Presse kann man lesen, dass jährlich etwa 400 Millionen Dollar in Creation Research fließen. Wie auch immer - das Spektrum der Positionen im kreationistischen Gegenwartsdiskurs weitet sich fortwährend aus. Die Unterschiede von Deutungsprogrammen wie "Kurzzeitkreationismus", "Langzeitkreationismus", "Evolutionistischer Kreationismus" und "Neokreationismus" mit "Intelligent Design", "Abrupt Appearance" und "Evidence against Evolution" verlangen selbst Experten erhebliche gedankliche Differenzierungsfähigkeit ab. Für ihr Bemühen um Verwissenschaftlichung zahlen die Kreationisten den Preis wachsender Spezialisierung und interner Polarisierung.
Arrogante Abwehr in Europa
Bei europäischen Intellektuellen lässt sich viel arrogante Abwehr des Kreationismus als eines Irrglaubens der unwissenschaftlich Bornierten beobachten. Geboten sind jedoch religionsanalytische Erklärungen seiner wachsenden Erfolge, auch bei Bildungsbürgern. Man muss bis ins späte 18. Jahrhundert zurückgehen. Ein frommes Leiden an Aufklärung, Verwissenschaftlichung der Welt und rein rationaler Lebensdeutung artikulieren schon die romantischen Protestbewegungen um 1800.
Religiöse Fundamentalkritik moderner Zweckrationalität gehört von vornherein zum Projekt der Moderne. Je mehr die schnelle soziale, kulturelle und wissenschaftlich-technische Modernisierung als krisenhaft und zerstörerisch erlitten wird, desto stärker gewinnt die Suche nach neuem festen Halt an Gewicht. Der Begriff "Fundamentalismus" taucht erstmals als programmatische Selbstbezeichnung in den USA des frühen 20. Jahrhunderts auf.
In der Schriftenreihe "The Fundamentals", vertrieben in drei Millionen Exemplaren, wollten konservativ evangelikale Protestanten bindende Glaubenswahrheit bezeugen. Gegen die innere Liberalisierung protestantischer Theologie und die radikale Individualisierung des Glaubens betonten sie unverzichtbare Wahrheiten des Glaubens, eben seine "Fundamentalien": die durch ihren Literalismus verbürgte Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift, die den unbedingten Geltungsanspruch der christlichen Weltsicht verbürge, und die Nichtigkeit aller Wissenschaft, die mit dem biblischen Weltbild nicht übereinstimme.
Hier stritt man gegen die historisch-kritische Bibelforschung, die man als Relativismus erlitt, und gegen die Naturwissenschaften, denen man methodischen Atheismus vorwarf. Während des Ersten Weltkriegs politisierte sich dieser protestantische Fundamentalismus; in den 1920er Jahren machte er in großem Stil mobil. Das provozierte eine liberale Oppositionsbewegung gegen jede religiöse, speziell fundamentalistische Intervention in Staatsangelegenheiten.
In entschiedener Politisierung setzten die amerikanischen Fundamentalisten seit den 1970er Jahren nun umgekehrt darauf, über die Grenzen des eigenen Milieus hinaus antiliberale Zweckbündnisse von Kräften zu schmieden, die die freiheitsdienliche Entkoppelung von Religion und Politik als Wertverlust und verunsichernden Relativismus erfuhren. Man hofft auf neue Ordnung, klare Werte, bindende Orientierung - und genau dazu wird der Schöpfungsbegriff besetzt. Das ist nicht Regression ins Mittelalter, sondern ein höchst moderner religionskultureller Habitus: moderne Antimodernität und immer neue Verschärfung von Kulturkämpfen.
Auch in wissenschaftshistorischen Perspektiven lassen sich die diversen Kreationismen als spezifisch moderne Reaktionsphänomene deuten, als Gegenbewegung zur im naturwissenschaftlichen Diskurs des 19. Jahrhunderts beobachtbaren Tendenz, akademische Theoriebildung weltanschaulich zu universalisieren, also Wissenschaft selbst zu einer Sinnstiftungsinstanz zu erheben.
Kreationismus ist ein religiöser Gegenentwurf zu einem Wissenschaftsglauben, der Professoren zu Propheten stilisiert und durch besseres Erkennen Lebenssinn gewinnen will. Man muss nur Max Webers kantianische Polemik gegen solche wissenschaftliche Sinnhuberei ernst nehmen, um für Kreationisten partiell Verständnis aufbringen zu können: Sie setzen einer Naturwissenschaft, die sich als naturalistische "Weltanschauung" missversteht, nur eine andere moderne Ideologie entgegen, formuliert in religiösen Sprachspielen. So schreiben die Schöpfungsfundamentalisten, die unter dem modernen Pluralismus leiden, ihn nur auf ihre Weise fort.
Der Autor lehrt evangelische Theologie an der Universität München.
Sie sind jetzt auf Seite 3 von 3
- Thema
- Charles Darwin RSS
- Evolution und Religion Sorry, Darwin 15.09.2008
- Kreationismus im Schulunterricht Pädagogischer Sündenfall 25.02.2009
- Kreationismus in der Schule Bibeltreuer Lehrplan 10.02.2009
- Benedikt XVI. und die Wissenschaft "Dreifaltigkeit im Genom" 19.04.2010
- Evolutionsbiologie Von der Maus zum Monster 12.04.2010
- Spekulationen um Gesundheitsprobleme Darwins Diagnosen 14.12.2009
- Urlaubsziele für Computerfreaks Reisen mit dem Geek-Atlas 24.11.2009
(SZ vom 08.05.2009/beu)
Machtkampf in der Linken
Schade das die Evolution bei Kreationisten nicht funktioniert. Leider hat der M ensch Darwin und die Evolution ausgehebelt. Bei uns vermehren sich die Dum.men und Unfähigen wärend die Schlauen und Fähigen schwinden....
Schade. Und irgendwie beweist das, das es entweder keinen Gott gibt oder einen der mal auf den Kopf gefallen ist.
1. Griechische Philosophie im Allgemeinen und Aristoteles im Speziellen waren seit Mitte des 6. Jahrhunderts nur noch im ausserchristlichen Raum zu studieren und zwar seit dem Aufkommen des Islam in arabischer Übersetzung. Heißt die damaligen philosophischen Debatten im liberalen Zweig des Islam waren u.a. von der griechischen Philosophie starkt beeinflußt.
2. Maimonides lernte die Philosophie von Aristoteles auf dem Umweg über arabische Übersetzungen kennen und schätzen. In seinen Augen war Aristoteles der bedeutendste Philosoph, den es gab. Er integrierte die vernunftbetonte Logik des Aristoteles in das Judentum (stark verkürzt ausgedrückt, da wie gesagt u.a. die These von der Willensfreiheit schon bei den alten Rabbinen zu finden ist) und viele jüdische Gelehrte in Spanien sich schon vor ihm mit den damals aktuellen philosophischen Ideen befassten und das waren nur einmal griechische Philosophie in arabischer Übersetzung. Maimonides besaß jedoch den größten Einfluß auf das zeitgenössische Judentum. Dieser Einfluß wirkt bis heute fort.
3. Thomas von Aquin schrieb bei Maimonides ab (salopp ausgedrückt) und begann damit, die die Ideen von Aristoteles im Katholizismus salonfähig zu machen.
Was müssen Sie Armer nur das ganze Wochenende gelitten haben!!
Ich gebe ja zu, dass meine Ausführungen in der hier gebotenen Kürze missverständlich sein können. Also noch einmal:
Maimonides, als einer der herausragenden philosophischen Köpfe zu Zeiten des Hochislam, hat in wesentlichen Teilen die arabische Philosophie beeinflusst. Seine Auffassung zum persönlichen Freiheitsbegriff widerspricht heutigen Auslegungen der Sure An-Nisr diametral.
Zufrieden?
Sie selber haben in Ihrem Post von 18:44 Maimonides im Islam verortet, sie schrieben, ich zitiere: Maimonides (der in der damaligen Wissenschaftssprache Arabisch schrieb) ist, neben Ibn Rushd und Ibn Sina, einer der "aufgeklärten" Vertreter des Hochislam. Zitatende. Sie haben also Maimonides im Islam verortet, auch wenn Ihr Post von 19.04 das Gegenteil suggerieren soll.
Maimonides war, wie schon gesagt, kein Moslem, sondern ein Rabbiner, Arzt und Philosoph und kann daher - entgegen Ihrem Post von 18.44 - auch kein Vertreter des Islam gewesen sein. In seinem Werken wandte er sich an Juden und erläuterte u.a. die Grundprinzipien des Judentums. Er schrieb i.d.R. in gutem klassischem arabisch, jedoch üblicherweise in hebräischen Buchstaben, seine Kodifizierung des Talmuds Mischne Tora schrieb er allerdings auf hebräisch.
Bei der Lehre von der Willensfreiheit des Menschen vertritt Maimonides die Lehren der Rabbinen (Navé-Levinson: Einführung in die rabbinische Theologie, 1993, Darmstadt S. 59) und benutzt zur Untermauerung oft zusätzlich Ideen von Aristoteles. Aristoteles war zur Zeit des Maimonides allerdings nur im muslimischen Raum in arabischer Übersetzung zu studieren, da im christlichen Raum das Studium der griechischen Philosophie damals abgelehnt wurde.
Selbstverständlich kannte Maimonides die Texte arabischer Philosophen und auch die Auslegungen des Koran sehr gut, da er ein gebildeter Mensch war, sich Zeit seines Lebens im arabischen Raum aufhielt und mit dessen Philosophien auseinandersetzte.
Im übrigen war es so, daß später Thomas von Aquin, bei aller Verachtung, die er für Juden an sich äußerte, bei Maimonides regelrecht abschrieb und die Philosophie des Aristoteles mit Einschränkungen auch in den christlichen (hier: den katholischen) Raum einführte. Man kann also sagen, daß die die Ideen des Aristoteles via Maimonides auch in den christlichen Raum (die Kirchenväter lehnten Aristoteles noch ab) integriert wurden.
Habe ich irgendwo behauptet, dass Rabbi Maimonides Moslem war?? Nichtsdestoweniger gehört er zu den "Aufklärern seiner Zeit, auf den auch moslemische Philosophen in ihrer "Falsafa" Bezug nahmen.
Paging