Serie: 200 Jahre Darwin (21) Lockruf des guten Rufs

Treffen sie in einer späteren Runde einen Gegenspieler wieder, dann ahmen sie dessen vorheriges Verhalten nach. Hat er zuvor die Zusammenarbeit verweigert, dann kooperieren sie nun auch nicht. Allerdings verzeihen sie den Vertrauensbruch nach einer Weile, sodass sich die gegenseitige Rache nicht endlos fortsetzen muss. Ein solcher Altruismus ist auch unter Tieren zu beobachten: Laust der eine Affe den anderen, so bekommt er von diesem eher eine Gegenleistung.

In der komplexen menschlichen Gesellschaft jedoch kann kaum jemand erwarten, alle Partner später wiederzutreffen, um dann seine Gegenleistung zu bekommen. Hier wirkt die Reputation, die sich ein Geber durch die selbstlose Handlung erwerben kann, haben die Forscher erkannt.

So kann Kooperation zwischen Fremden entstehen, wenn der gute Ruf einem Partner bei späteren Begegnungen einen Vorteil bringt. Als erstes demonstrierte dieses Prinzip der Biochemiker und Mathematiker Martin Nowak, der heute an der Harvard-Universität forscht, mit Hilfe einer Computersimulation. Später konnte Manfred Milinski mit einem psychologischen Experiment belegen, dass Menschen sich tatsächlich so verhalten. Die Studenten in seinem Experiment waren immer dann besonders hilfsbereit, wenn ihr Gegenüber in vorherigen Begegnungen mit anderen Teilnehmern einen hohen Status erworben hatte - auch wenn klar war, dass sie auf diesen Teilnehmer im weiteren Spielverlauf nicht wieder treffen würden.

Sich von einem guten Ruf leiten zu lassen, ist eine zutiefst menschliche Angelegenheit. Sie setzt eine Kommunikation weit über das unmittelbare Umfeld und eine bewusste Abwägung von Nutzen und Risiko voraus, die Tieren fehlt. Doch die Mechanismen, die dahinter stehen, funktionieren in den mathematischen Modellen auch unabhängig von den besonderen Gaben des Menschen. Seither ist Evolutionsforschern immerhin klar, dass Eigenschaften von Individuen verstärkt werden können, auch wenn sie ihren eigenen Interessen schaden, aber ihrer Gruppe um so mehr nützen.

Entwicklungsschritte dank Kooperation

Das hat auch den Blick auf die vielen Beispiele gelenkt, wo das Leben eher in Gemeinschaft funktioniert als durch das oft beschworene Überleben des Stärkeren. Selbst unter Einzellern gibt es rudimentäre Kooperation. Hefezellen begehen bei Nährstoffmangel Selbstmord und opfern sich für wenige Überlebende. Manche Bakterien synchronisieren unter widrigen Umständen ihre Bewegungen, damit einige von ihnen in eine günstigere Umgebung gelangen können.

Große Entwicklungsschritte gab es im Verlauf der Evolution oft, wenn das Einzelinteresse erfolgreich zum Wohle der Gemeinschaft gebändigt wurde. Nur durch das Zusammenspiel verschiedener Gene und Chromosomen konnten komplexe Zellen entstehen. Erst durch Kooperation entwickelten sich aus Einzellern vielzellige Tiere und Pflanzen, und schließlich soziale Gemeinschaften. "Der vielleicht bemerkenswerteste Aspekt der Evolution ist ihre Fähigkeit, in einer von Konkurrenz geprägten Welt Kooperation hervorzubringen", sagt Martin Nowak. Neben Mutation und Selektion postuliert er die "natürliche Kooperation" als drittes fundamentales Prinzip in der Evolution.

Ob diese fundamentale Kraft indes ausreicht, um Milliarden von Menschen beim Klimaschutz zum selbstlosen Verzicht zu bewegen, ist fraglich. Manfred Milinski ist inzwischen eher skeptisch. In manchen seiner Versuche ist es ihm zwar gelungen, die Teilnehmer durch Warnungen vor dem Verlust ihres Geldes zur Zusammenarbeit zu bewegen.

In vielen Szenarien verhalten die Teilnehmer sich aber doch zu egoistisch, um das gemeinsame Ziel zu erreichen. "Ich war noch niemals in meiner Arbeit so frustriert wie nach diesen Versuchen", sagt Milinski. "Die Zusammenarbeit im Klimaschutz ist das größte Spiel, das die Menschheit je gespielt hat - und es ist eines, das wir auf keinen Fall verlieren dürfen."