Vielfältige Gesänge, ein grundlegendes Sprachverständnis und eine rudimentäre Grammatik - schon Charles Darwin erkannte bei Tieren Vorformen menschlicher Sprache.
Für Sprache schien sich Charles Darwin nicht sonderlich zu interessieren. In seinem zentralen Werk zur Abstammung des Menschen ("The Descent of Man"), das 1871 veröffentlicht wurde, hatte er für sie nur zehn von über 700 Seiten übrig.
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Achtung, hier droht Ungemach: Mit komplexem Geheul hält die Siamang-Mama sich und ihrem Nachwuchs die Feinde vom Leib. (© Foto: AP)
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Das erscheint auf den ersten Blick dürftig, wollte er doch seine Zeitgenossen überzeugen, dass der Mensch mit all seinen Fertigkeiten von Tieren abstammt. Bei Eigenschaften wie Neugierde, Schönheitssinn, Gedächtnis, Aufmerksamkeit oder Werkzeuggebrauch erscheint es leichter, graduelle Unterschiede zwischen Tier und Mensch anzunehmen.
Darwin erläutert sie ausführlich: Delphine sind neugierig, Pfauen haben einen Sinn für Schönheit, Elefanten ein phänomenales Gedächtnis, Katzen konzentrieren sich auf Mauselöcher, Raben gebrauchen Werkzeuge. Aber wie soll man sich bei der Sprache, der größten Erfindung der Menschheit, primitive Vorformen bei Tieren vorstellen?
Noch 140 Jahre später lohnt es sich, Darwins knappe Ausführungen ernst zu nehmen. Als genauer Beobachter zog er die Verbindung von unterschiedlich klingenden Warnungen vor Feinden, wie sie Affen oder Hunde geben, zu "unartikulierten Ausrufen" beim Menschen.
Sie sind Ausdruck von Gefühlen wie Angst oder Lust und werden, wie man heute weiß, in den Hirnarealen Mandelkern und Gyrus cinguli ausgelöst, bei Menschen wie bei Tieren.
Oh, ey, boah, mhm
Ihren Ursprung sah Darwin in der "Nachahmung und Modifikation verschiedener natürlicher Laute, der Stimmen anderer Tiere und der eigenen instinktiven Ausrufe des Menschen unter Beihilfe von Zeichen und Gesten". Bis heute haben sich derartige "Gefühlslaute" als sprachliche Fossilien erhalten: Laute wie oh, ey, boah, mhm, huch oder aua bleiben in Äußerungen isoliert, da sie sich nicht in die Grammatik von Sätzen einbauen lassen.
Auch Artikulation und Lautfolge entsprechen nicht den üblichen Mustern. Bei der Interjektion ts-ts-ts, die Missfallen ausgedrückt, wird sogar die Luft eingesogen. Gleichwohl erzeugen sie, meist in Verbindung mit entsprechender Mimik und Gestik, einen nachhaltigen Eindruck auf den Hörer, oft stärker als grammatisch wohlgeformte Äußerungen.
Darwin erkannte, dass sie eine wichtige Funktion beim Übergang zur Sprache hatten: "Unsere Ausrufe des Schmerzes, der Furcht, der Überraschung, des Ärgers, in Verbindung mit entsprechenden Handlungen, (...) sind ausdrucksvoller als irgendwelche Worte."
Daneben sah Darwin eine zweite Wurzel der menschlichen Sprache, einen musikalischen Ursprung. Ihm war bekannt, dass etwa Gibbons "musikalische Kadenzen" hervorbringen. Diese Fähigkeit zum Gesang vermutete er auch bei frühen Menschen, die so um Partner warben. Die Evolution konnte die musikalische Kommunikation daher über den Mechanismus der "geschlechtlichen Zuchtwahl" (sexuelle Selektion) hervorbringen und immer weiter verbessern.
Die musikalischen Laute dienen zwar nicht direkt dem Überleben, aber sie signalisieren möglichen Geschlechtspartnern die besondere Attraktivität eines Männchens oder Weibchens. Wer seinen Gesang facettenreich und ästhetisch gestaltet, erhöht seine Chancen, Sex zu haben und Nachkommen zu erzeugen, denen er seine Eigenschaften weitergeben kann.
Natürliche und sexuelle Selektion
An diese in Vergessenheit geratene Annahme Darwins hat erst vor wenigen Jahren der amerikanische Evolutionsbiologe Geoffrey Miller von der Universität New Mexiko erinnert. Sprache und Intelligenz hätten sich in einem immer größer werdenden Gehirn überhaupt nur entwickelt, um sexuell attraktive Partner für sich zu gewinnen, behauptet er.
Auch Steven Mithen, Professor für ältere Urgeschichte an der Universität Reading, sieht Gesang und musikalische Fähigkeiten am Anfang der Sprachentwicklung. Beide haben die knappen Bemerkungen Darwins zu einer veritablen Ursprungstheorie ausgearbeitet. Sie haben dabei aber übersehen, dass der Begründer der Evolutionslehre noch eine weitere Entwicklungslinie sah, die auf natürlicher Selektion beruhte.
Darunter fallen alle Verhaltensweisen, mit denen Lebewesen in einer Umwelt mit begrenzten Ressourcen überleben und sich gegenüber Konkurrenten behaupten. Sie hat ebenso zu kommunikativen Signalen geführt und Droh- und Warnlaute entstehen lassen.
Sprache hat sich laut Darwin also aus einem Zusammenspiel von natürlicher und sexueller Evolution entwickelt: Sich an die Umwelt anzupassen, wäre gewissermaßen das kommunikative Pflichtprogramm, einen attraktiven Partner zu gewinnen die sprachliche Kür.
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