Doch warum bringen die Schreiadler ihr jüngeres Geschwister um? Kappeler zufolge vermuten Biologen, dass die Mütter der Greifvögel das zweite Ei als Reserve legen, um ganz sicher zu sein, dass mindestens ein Ei befruchtet wurde. Doch das ist nur eine Spekulation.
Auch bei den Schreiadlern ist Geschwistermord ein gängiger Vorgang - oft sogar unter den Augen der Mutter. (© Foto: gemeinfrei)
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Das Verhalten mordender Geschwister erscheint vor allem dann besonders dunkel, wenn das zugrundeliegende Motiv nicht in unmittelbarer Nahrungsknappheit zu suchen ist. Denn Biologen gehen gemeinhin davon aus, dass die Evolution bei allen Tieren Verhalten begünstigt, welches das Wohl des Individuums mit dem Wohl naher Verwandter ausbalanciert (s. Frank: When hyenas kill their own). Und gerade Geschwister tragen ja viele der gleichen Gene in sich.
Nebenprodukt Geschwistermord
Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet, muss der Mörder schon einen sehr hohen Gewinn aus seiner Tat ziehen, damit sich die Vernichtung eigener Gene lohnt. Das ist offenbar nicht oft der Fall: Auch in der Tierwelt töten sich Geschwister letztlich sehr selten.
Die Tüpfelhyäne ist das einzige Säugetier, von dem bekannt ist, dass es nicht allein um der Nahrung willen Bruder oder Schwester tötet. Hunger kann hier nicht den Ausschlag geben, denn bei den meist als Zwillingspaar zur Welt kommenden Raubtieren, überleben die schwächeren Geschwister den Kampf häufig bei gemischtgeschlechtlichen Paaren, doch selten bei gleichgeschlechtlichen, wie Verhaltensforscher Frank darlegte.
Doch worin liegt dann der evolutionäre Vorteil, den die Hyänen aus der Ausschaltung des Geschwisters ziehen? Frank vermutet einerseits, dass die Weibchen ihre Schwestern töten, um sich einen höheren Rang innerhalb des Rudels zu sichern. Und ein hoher Rang stehe in einem engen Zusammenhang mit dem Fortpflanzungserfolg. Da Männchen das Rudel verlassen, stellten sie keine Bedrohung dar - und müssten auch nicht ermordet werden.
Auf der anderen Seite hält der Verhaltensforscher es für möglich, dass das feindselige Verhalten der jungen Hyänen die ungewöhnliche Nebenfolge der grundsätzlich außergewöhnlich hohen Aggressivität der Tüpfelhyänen ist. Und diese garantiert wiederum, dass erwachsene Hyänen ihren Nachwuchs besser schützen - außer vor ihren eigenen Geschwistern.
Die Ursachen dafür, warum Tüpfelhyänen und andere Tiere ihre Brüder und Schwestern umbringen, geben also trotz mancher Anhaltspunkte und Spekulationen weiterhin Rätsel auf. Doch allein in der Beschäftigung mit der Thematik bieten sich zumindest für den Verhaltensforscher Laurence Frank bereits faszinierende Einblicke: "Die extreme Verhaltensweise des Nachwuchses (...) bietet ein anschauliches Beispiel dafür, wie Gewalt und Raffinesse in der Evolution Hand in Hand gehen können."
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(sueddeutsche.de/mel)
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