Serie: Albtraum Atombombe (3) Prophet, Vater und Gegner der Bombe

Als vor genau 65 Jahren die Atombombe auf Hiroshima fiel, war dies der furchtbare Höhepunkt im Leben des Physikers Leó Szilárd. Der in Ungarn geborene Wissenschaftler hatte ihre Entwicklung aus Angst vor den Nazis angestoßen und ihren Einsatz über Japan wie kein anderer bekämpft.

Von Von Markus C. Schulte von Drach

Die US-Bürger erfuhren aus dem Radio von der Existenz der Atombombe. "Die Kraft, aus der die Sonne ihre Macht bezieht, ist auf diejenigen losgelassen worden, die dem Fernen Osten Krieg brachten. "Mit diesen Worten verkündete der US-Präsident Harry S. Truman am 7. August 1945 der Welt, dass die USA eine Atombombe auf Japan abgeworfen hatten.

Die wenigsten Amerikaner dürften wirklich verstanden haben, was das Ereignis tatsächlich für die Welt bedeuten würde.

Doch einer, der vor den Geräten gesessen und den Nachrichten aus dem Äther gelauscht hatte, wusste es ganz genau. Bis zuletzt hatte Leó Szilárd gehofft, dass es nicht so weit kommen würde. Denn der Kernphysiker fühlte sich mitverantwortlich für die Entwicklung der furchtbarsten Waffe, über die Menschen je verfügt hatten.

Szilárd, und nicht J. Robert Oppenheimer, der Leiter des Manhattan-Projekts, in dessen Rahmen die Bombe entwickelt und gebaut wurde, war der eigentliche Vater der Atombombe. Auf das Engagement des 1898 in Ungarn geborenen Querdenkers Szilárd, lässt sich das ganze Projekt letztlich zurückführen. Und selten dürfte ein Vater seine Kinder so gehasst haben wie Szilárd die Atombomben Little Boy und Fat Man.

Einen Tag, nachdem Szilárd vom Abwurf von Little Boy auf Hiroshima gehört hatte, hielt er frustriert fest: "Der Einsatz der Bombe gegen Japan ist einer der größten Fehler in der Geschichte, [...]. Ich habe getan, was ich konnte, um das zu verhindern, aber ohne Erfolg."

Den Abwurf der zweiten Atombombe, Fat Man, auf Nagasaki, bezeichnete er nur noch als reine Grausamkeit. Jetzt, so sagte Szilárd voraus, würden die Russen ebenfalls eine Atombombe bauen. Und es würde zu einem Rüstungswettlauf der Großmächte kommen.

Es war nicht das erste Mal, dass Szilárd mit seiner Einschätzung recht behalten sollte. Bereits 1933 hatte er die Möglichkeit einer Kettenreaktion mit Atomkernen vorhergesagt, die sich durch Neutronenbeschuss auslösen lassen würde.

Die Idee dahinter war, dass bei der Spaltung schwerer Atomkerne wie Uran oder Plutonium nicht nur extrem viel Energie freigesetzt wird. Darüber hinaus werden dabei wiederum Neutronen frei. Spalten diese ihrerseits benachbarte Atomkerne, die erneut Neutronen abgeben, die erneut Atome spalten, spricht man von einer Kettenreaktion. Notwendig ist allerdings, dass sich ausreichend spaltbares Material dicht genug beieinander befindet - die kritische Masse.

1933 gingen viele von Szilárds berühmten Kollegen wie Ernest Rutherford, Enrico Fermi und Otto Hahn allerdings davon aus, dass sich Kerne überhaupt nicht spalten ließen.

Szilárd aber hatte gerade erst den Science-Fiction Roman Befreite Welt von H. G. Wells gelesen. In diesem relativ unbekannten Buch hatte Wells, der Autor von Krieg der Welten, bereits 1914 von einer Kettenreaktion geschrieben, den Begriff Atombombe eingeführt - und die Menschheit den ersten Atomkrieg führen lassen. Szilárd sah darin mehr als bloß phantastische, unrealistische Vorstellungen. Er hielt die möglichen Folgen der Erkenntnisse der Kernphysiker für bedrohlich.