Selbstüberschätzung Wir sind alle Helden

Wir neigen dazu, unsere eigenen Fähigkeiten größer einzuschätzen, als sie in Wahrheit sind

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Menschenkenntnis, Intelligenz, Bildung: Menschen liegen chronisch daneben, wenn sie ihre eigenen Fähigkeiten einschätzen. Warum bloß?

Von Sebastian Herrmann

Die Menschen befinden sich auf einer kollektiven Suche. Ständig sind sie unterwegs, immer streben sie einem Ziel entgegen: endlich zu sich selbst zu finden. Die Suche nach dem eigenen Selbst scheint die Mission der Gegenwart zu sein, und sie wird so bald nicht enden.

Denn offenbar wissen die meisten gar nicht, wonach sie da eigentlich suchen. Das Bild vom eigenen Selbst erscheint reichlich verzerrt. Das legt die Lektüre einer umfassenden Analyse nahe, die im Fachmagazin Perspectives on Psychological Science (Bd. 9, S. 111, 2014) erschienen ist. Darin fassen die beiden Psychologen Ethan Zell von der University of North Carolina und Zlatan Krizan von der Iowa State University 22 Meta-Studien mit insgesamt mehr als 200 000 Teilnehmern zu der Frage zusammen, wie zutreffend Menschen sich selbst einschätzen können.

Die kurze Antwort lautet: Die Mehrheit liegt ziemlich weit daneben, wenn sie die eigenen Fertigkeiten in verschiedenen Bereichen einschätzen sollen. Sie halten sich für besser als sie sind, oder sie machen sich kleiner als sie sind.

Keine Berufsgruppe ist vor Selbstüberschätzung gefeit

Benjamin Franklin fasste es schon 1750 prägnant zusammen. Drei Dinge in dieser Welt seien extrem hart, unkte der Naturwissenschaftler und einer der Gründerväter der USA: Stahl, Diamanten und sich selbst zu kennen. Diesen Spruch haben Psychologen seitdem mit einer erstaunlichen Masse an Studien zur fehlbaren Selbstwahrnehmung der Menschen untermauert.

Nur ein paar Beispiele: Angehende Ärzte zeigten sich in mehreren Untersuchungen von ihrer Heilkunst wesentlich überzeugter, als die Bewertungen von Vorgesetzten oder ihre Ergebnisse in evaluierten Tests es rechtfertigten. Das Gleiche gilt für andere Angestellte dieser Welt. Zwischen der Beurteilung ihrer Arbeit durch sie selbst oder durch Vorgesetzte und Kollegen klafft im Schnitt eine große Lücke. Musiker und deren Lehrer, Sportler und deren Trainer oder Studenten und deren Dozenten: Eigen- und Fremdwahrnehmung liegen stets weit auseinander. Zu all diesen Gruppen finden sich Studien, die den jeweiligen Probanden mangelhafte Selbstwahrnehmung attestieren.

Am deutlichsten offenbart sich dieses Phänomen, wenn Menschen ihre Fähigkeiten heftig überschätzen. Im Zeitalter der Castingshows löst das regelmäßig Fremdscham-Attacken aus. Ausgerechnet die am wenigsten kompetenten Menschen scheinen sich oft für die Größten zu halten und landen dann zum Beispiel im Fernsehen, wo sie sich vor einer Jury blamieren dürfen. Diesen Zusammenhang belegten zwei Psychologen in der wahrscheinlich bekanntesten Studie zu verzerrter Selbstwahrnehmung. David Dunning und Justin Kruger wurden dafür sogar mit dem satirischen Ig-Nobelpeis ausgezeichnet. Ihre Arbeit zeigte, dass der Grad der Selbstüberschätzung mit dem Ausmaß an Unwissen einhergeht - nicht nur in Castingshows.