Science March Marsch gegen die Ignoranz

Mehr als 11 000 Menschen sind in Berlin im Dienste der Wissenschaft auf die Straße gegangen.

(Foto: AP)

"Zu Fakten gibt es keine alternativen Fakten": An 600 Orten in aller Welt demonstrieren Menschen für die Wissenschaft und gegen Politiker wie Donald Trump. Bericht von einer Solidaritätsbekundung, die niemand erwartet hat.

Von Kathrin Zinkant, Berlin

Es ist womöglich eine Eigenheit Berlins, dass selbst große Ereignisse erst mal mit großer Unauffälligkeit daherkommen. Zwischen Dutzenden von Touristen auf dem Bebelplatz in Mitte stehen am Samstagmittag jedenfalls drei junge Leute herum, mit suchendem Blick und einem Schild unter dem Arm. Darauf steht: "GMO save lives", gentechnisch veränderte Organismen retten Leben.

"Für Fakten gibt es keine Alternative"

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Das Trio wirkt ein bisschen verloren. Von dem aufsehenerregenden Marsch, der hier in einer guten halben Stunde losziehen soll, ist jedenfalls noch nichts zu sehen.

Zum ersten Mal in der Geschichte gehen am gleichen Tag in etwa 600 Städten auf der ganzen Welt Menschen für die Wissenschaft auf die Straße. Den Anfang haben in der Nacht die neuseeländischen Städte Wellington und Auckland gemacht, weiter ging es über Sydney, Melbourne, Tokio immer weiter gen Westen. Allein in Deutschland fanden an diesem Samstag 20 Märsche statt.

Das gemeinsame Ziel: Aufmerksamkeit erregen für den Wert der Wahrheit, Solidarität mit unterdrückten Forschern bekunden - und die Bedeutung von freier Wissenschaft für die Gesellschaft verdeutlichen. Auch hier in Berlin, mitten im Zentrum, auf der Prachtstraße Unter den Linden.

Geformt hatte sich die Bewegung im Januar in den USA, kurz nach der Amtseinführung von Präsident Donald Trump. Trump selbst und zahlreiche Mitarbeiter seines Stabs leugnen immer wieder wissenschaftliche Erkenntnisse. Sie verneinen, dass der menschengemachte Klimawandel existiert oder dass die Evolution verantwortlich ist für die Vielfalt des Lebens auf der Erde.

Als nach Trumps Einzug ins Weiße Haus plötzlich wichtige Informationen zum Klimawandel von den Webseiten der Regierung verschwanden, als Wissenschaftler aufgrund ihrer Herkunft nicht mehr in die USA einreisen konnten und Lügen zu "alternativen Fakten" deklariert wurden, entstand in den sozialen Netzwerken die Initiative zum Science March.

Binnen weniger Tage ging die Idee um die Welt und erreichte auch Berlin, wo sich eine kleine Gruppe von jungen Forschern, Studenten und Nichtwissenschaftlern zusammentat, um auch in der deutschen Hauptstadt einen Marsch für die Wissenschaft zu organisieren. Zunächst ohne allzu große Erwartungen an die Resonanz.

1000 Mitmarschierer, das ist die Zahl, die sich das Organisationsteam als gutes Ergebnis erhofft. Kurz vor Beginn des Marsches, als Ludwig Kronthaler, der Vizepräsident der Humboldt-Universität eine der ersten Reden dieses Tages hält, wird allerdings klar: Es sind mehr als 1000 gekommen. Viel mehr. Im Ehrenhof der Hochschule beschwört Kronthaler die Grundwerte der Wissenschaft: Freiheit - und eine auf Wahrheit ausgerichtete Suche nach Erkenntnis. Über das Eingangstor hinaus bis auf die Straße stehen die Menschen nun schon.

Plakate werden hochgehalten, Fähnchen gewedelt. Eine Frau streckt den Arm aus, in der Hand eine Spraydose, auf der "Anti-Bullshit-Spray" steht. Auch die Kinder haben Plakate gebastelt. "Secure my future with science" steht auf einem, sichert meine Zukunft mit Wissenschaft. Auf der Rückseite hat das kleine Mädchen ein Mikroskop gemalt. Darüber ein Herz.

Aniela, 7, mit ihrem Plakat.

(Foto: Getty Images)

In aller Welt sind solche Sprüche zu lesen. Ganz oft in Englisch, der Weltsprache der Wissenschaft.

"The oceans are rising, and so are we", heißt es auf einem Plakat in New York.

(Foto: AFP)

"We need thinkers not deniers" auf einem Banner in Sydney.

(Foto: REUTERS)

Und "Make America Smart Again" in Washington. Eine Anspielung auf den Wahlkampfslogan von Donald Trump - "Make America Great Again".

(Foto: AFP)

Zurück nach Berlin. Als um halb zwei auch der Regierende Bürgermeister, Michael Müller, eingetroffen ist, geht es los. Müller schreitet in einer Reihe mit dem Wissenschaftsjournalisten und Moderator Ranga Yogeshwar voran, zusammen mit dem Präsidenten der Leibniz-Gemeinschaft, Matthias Kleiner, und dem Präsidenten der Helmholtz-Gemeinschaft, Otmar Wiestler, tragen sie ein Banner. "Zu Fakten gibt es keine Alternativen" steht darauf.

Der klare Bezug auf einen Begriff, den Trumps Beraterin Kellyann Conway geprägt hatte, um die Lügen des Pressesprechers im Weißen Haus zu rechtfertigen - er soll an diesem Tag nicht darüber hinwegtäuschen, dass es auch in Europa Probleme gibt. In der Türkei sind Hunderte Wissenschaftler an den Universitäten entlassen und zum Teil verhaftet worden.

Und als der Marsch die ungarische Botschaft erreicht, wenige Hundert Meter vor dem Brandenburger Tor, verstummen die Trommeln, die Menge beginnt zu rufen: "We stand with CEU", wir stehen zur Central European University. Die Budapester Privatuniversität wurde vor 26 Jahren gegründet und gilt heute als eine der weltoffensten, international vielfältigsten Universitäten der Welt. Menschen aus 100 Nationen studieren und forschen dort. Der ungarische Präsident Viktor Orbán hat vor wenigen Wochen jedoch ein neues Hochschulgesetz verabschiedet, das die Schließung der CEU besiegeln soll.

"An meiner Aussprache habt ihr vielleicht bemerkt, dass ich nicht in Deutschland aufgewachsen bin", sagt Vladislav Nachev. Der Marsch hat inzwischen das Brandenburger Tor erreicht und der Verhaltensbiologe ist als erster Redner auf die Bühne getreten. Nachev hat den Marsch mitorganisiert, er ist Bulgare und "ein typischer Wissenschaftler", wie er sagt. Das heißt, er hat in vielen Ländern studiert und gearbeitet und trifft in allen Labors auf Menschen, die aus den unterschiedlichsten Ländern kommen. "Wissenschaft ist ein globales Projekt", sagt Nachev. "Internationale Zusammenarbeit ist unersetzlich". Deshalb dürfe man auch nicht zulassen, dass in anderen Nationen an den Grundfesten der Erkenntnis gerüttelt werde. "Wer wissenschaftliche Erkenntnisse ablehnt oder die wissenschaftliche Freiheit unterdrückt, gefährdet Menschen. Egal, in welchem Land sie leben".

Ranga Yogeshwar, der vor allem als Moderator der Sendung Quarks & Co. bekannt geworden ist, fordert die Menge auf: "Bekämpft die Angst mit den Fakten". Und als fast zum Schluss Michael Müller auf die Bühne tritt, wird auch noch dem letzten Mitmarschierer klar, warum nicht 1000, und auch nicht wie in Paris 4500, sondern 11 000 Menschen in Berlin für die Freiheit der Wissenschaft auf die Straße gegangen sind.

Berlin ist eine Stadt, die im 20. Jahrhundert zwei Diktaturen und eine beispiellose Spaltung erlebt und durchlitten hat. "Wir Berliner wissen aus unserer eigenen Geschichte, was die Unterdrückung der Freiheit bedeutet. Deshalb tragen wir eine besondere Verantwortung, uns für eine freie Wissenschaft und eine weltoffene und tolerante Gesellschaft einzusetzen".

Als Müller das sagt, sind vielleicht nicht mehr alle 11 000 auf dem Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor dabei. Aber Konsens herrscht am Ende der Demonstration ohnehin über eines: Der March for Science kann nur der Anfang sein. Der Kampf gegen alternative Fakten und für die Freiheit der Wissenschaft hat erst begonnen.

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