Diagnose bei Komapatienten Aufflackerndes Bewusstsein

Immer wieder wird Patienten fälschlicherweise ein Wachkoma attestiert, obwohl ihr Geist noch aktiv ist.

Von Friedrich Pekus

Wie fühlt sich Gefühllosigkeit an? Wie Bewusstlosigkeit? Die paradoxe Vorstellung vom Nichts fällt beim Wachkoma besonders schwer. So etwas wie ein echtes Koma hat hingegen jeder schon einmal erlebt, der eine Vollnarkose erhalten hat. Sie führt in eine tiefe Bewusstlosigkeit, ähnlich wie sie entsteht, wenn Sauerstoffmangel oder eine Verletzung das Gehirn umfassend schädigen.

Beim Wachkoma ist das Gehirn dagegen nicht so schwer verletzt. Die Hirnrinde ist zwar zerstört, tiefer gelegene Strukturen wie Hirnstamm und Hypothalamus aber sind erhalten geblieben. Der Patient ist wach, guckt, kann meist selbständig atmen und gibt mitunter Laute von sich. Infolge des Ausfalls höherer Hirnfunktionen ist er aber ohne Bewusstsein. Befindet er sich also sozusagen mit offenen Augen in einem tiefen, traumlosen Schlaf? Lebt er in einer unbekannten Parallelwelt oder gar in einem fensterlosen Verließ - so wie der arme Held in Dalton Trumbos Filmklassiker "Johnny zieht in den Krieg"?

Das fragen sich auch Fachleute. "Beim Wachkoma handelt es sich lediglich um eine Ausschlussdiagnose", beklagt die Psychologin Andrea Kübler, die an der Universität Würzburg über schwere Hirnschädigungen forscht. Wenn bei einem Patienten jede Form von Geist ausgeschlossen wird - also die Fähigkeit des Gehirns, mit der Umwelt zu interagieren und eine Idee von Identität zu haben -, dann wird ihm ein Wachkoma attestiert. Doch die Diagnose ziehen Experten zunehmend in Zweifel. Manche der vermeintlich Bewusstlosen registrieren sich und ihre Umwelt durchaus, wie moderne Diagnostik zeigt. "In der Routine werden solche Methoden allerdings nicht genutzt", moniert Andrea Kübler. Das habe tragische Folgen. So vermutet der belgische Neurologe und Koma-Spezialist Steven Laurey, dass 40 Prozent aller Wachkoma-Diagnosen nicht stimmen.

40.000 Langzeitkomapatienten soll es in Deutschland geben. Den meisten davon wurde ein Wachkoma attestiert, auch apallisches Syndrom genannt. Ein Fachmann hat die Diagnose gestellt, indem er Reaktionen des Kranken auf Schmerzreize und Ansprache prüfte sowie Hirnreflexe untersuchte. Auch das Messen der Hirnaktivität mittels EEG gehört zum Routineprogramm. "Ein tiefes Schlafkoma lässt sich so relativ einfach diagnostizieren", sagt Andrea Kübler. Die Hirnstromkurve lässt wenig Zweifel zu. Ist sie stark verlangsamt, schließt das einen wachen Geist aus, wie man aus etlichen Routinemessungen an narkotisierten Patienten oder Schlafenden weiß.

Schwierig werde es aber beim Nachweis eines Wachkomas - auch weil sich dieses nur in Nuancen vom minimalen Bewusstseinszustand unterscheidet. In diesen gelangt ein Patient, wenn sich die Funktionen der Hirnrinde etwas erholen. Dann flackert sein Bewusstsein hin und wieder auf.

Wenn der Patient zumindest zeitweise adäquate Reaktionen und Zeichen bewussten Denkens zeigt, wird ihm ein minimaler Bewusstseinszustand attestiert. Die Diagnose Wachkoma wird hingegen gestellt, wenn diese Zeiten aufflackernden Bewusstseins eben nicht feststellbar sind. Dieses Ausschlusskonzept sei fehleranfällig, warnt Andrea Kübler. Zum Beispiel könnten Sprachverlust oder Apathie Reaktionen verhindern. Wachkoma und minimaler Bewusstseinszustand würden daher leicht verwechselt. Nicht umsonst gebe es die Diagnose des minimalen Bewusstseinszustandes erst seit knapp zehn Jahren. Davor hatten Fachleute diese Zwischenwelt schlicht nicht erkannt.