Die WHO hat der Schweinegrippe die höchste Pandemiestufe zugeteilt - dieser Alarm zeigt das Dilemma der Risikobewertung. Denn kaum einer hat Angst.
Früher hat eine Seuche noch etwas gegolten. Millionen Menschen waren bedroht, Hunderttausende starben. Die Pestepidemien im Mittelalter und in der frühen Neuzeit dezimierten die Einwohnerzahl Europas erheblich. Pestblätter mit Heiligenbildern entstanden.
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Maske ab: Bei der Ankunft am Flughafen in Los Angeles trägt eine Passagierin ihren Mundschutz am Kinn. (© Foto: AFP)
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Boccaccio schrieb sein übermütig-erotisches "Decamerone" als Gegenentwurf zu dem Schrecken, den der Schwarze Tod über Florenz brachte. Auch Cholera, Ruhr und Pocken verbreiteten Angst. Im 20. Jahrhundert forderte vor allem die Grippe Millionen Opfer. Vor Erfindung der Antibiotika war gegen die meisten Leiden kein Kraut gewachsen - gegen die Grippe gibt es immer noch kein besonders wirksames Mittel.
Und heute? Die Weltgesundheitsorganisation WHO ruft für die Schweinegrippe die höchste Alarmstufe aus, mit der sie eine Pandemie bewerten kann. Zu beklagen sind fast 30.000 zumeist mild verlaufende Infektionen und etwa 150 Todesfälle. Man muss hier nicht die Zahl der Opfer gegeneinander aufrechnen.
Darum geht es ebenso wenig wie um die Fülle der Werke, zu der Künstler durch eine Epidemie inspiriert werden. Die Alarmstufe Rot der WHO zeigt vielmehr, dass Behörden und sogar weltweiten Organisationen das richtige Werkzeug fehlt, um die Bevölkerung angemessen vor der Bedrohung durch eine neue Seuche zu warnen.
So vage wie bürokratisch
Wer soll sich im Rest der Welt vor der Schweinegrippe fürchten, wenn 139 der 145 bis Samstag von der WHO registrierten Todesfälle auf Mexiko und Nordamerika entfallen? Wie soll man die angebliche Gefahr einordnen, wenn die Grippewelle allein in Deutschland jährlich zwischen 5000 und 10.000 Menschenleben kostet? Als Werbeaktion für die Tamiflu-Hersteller?
Die Infizierten in Deutschland berichten über den bei ihnen - zum Glück - milden Verlauf, erzählen von familiären Grillfesten, und wie Nachbarn für sie eingekauft haben. Eine Seuchengefahr stellt man sich anders vor.
Wenn Reisende aus Deutschland amüsiert darüber berichten, dass sie nach der Landung des Charterflugzeugs in Kreta an einer Wärmebildkamera vorbei mussten, wird die globale Alarmbereitschaft endgültig zur Farce.
An den sogenannten Laien liegt es nicht, dass die Bedrohung durch die Schweinegrippe in den meisten Ländern nicht ernstgenommen wird. Es sind die Mediziner und Seuchenexperten selbst, die sich in ihren Risikoeinschätzungen verheddern.
Laut WHO ist die höchste Pandemiestufe 6 charakterisiert durch "fortgesetzte Mensch-zu-Mensch-Übertragungen des neuen Influenzavirus in einer zweiten der insgesamt sechs WHO-Regionen". Das klingt so vage wie bürokratisch. Vor ein paar Jahren definierte die WHO eine Pandemie der gefährlichsten Sorte noch als eine Seuche mit "einer enormen Anzahl von Todesfällen und Erkrankungen". Ja was denn nun?
Seuche war Ausnahmezustand
In der medizinischen Fachliteratur herrscht großes Durcheinander. Pandemie kommt in vielen Lehrbüchern nicht vor, im Medizin-Wörterbuch Pschyrembel ist sie - ohne Konkretisierung der Gefahr - "eine Ausbreitung einer Infektionskrankheit über Länder und Kontinente".
Warum wird dann die jährliche Grippewelle, die ebenfalls Länder und Kontinente heimsucht, nie als Pandemie bezeichnet? Und warum sprechen andererseits viele Wissenschaftler von einer Pandemie, wenn sie lediglich auf die Gefährdung durch Adipositas oder Arterienverkalkung aufmerksam machen wollen?
Diese Fragen sind nicht nur von semantischem Interesse. Sie zeigen vielmehr, dass sich Gesundheitsgefahren gewandelt haben - von der konkreten Bedrohung zum Risikoszenario. Letzteres lässt sich schwer vermitteln, deshalb greift die WHO wohl zur höchsten Alarmstufe.
Die Schweinegrippe verläuft zwar recht milde, sie könnte aber auch Ausgangspunkt eines tödlichen Super-Virus sein. Wenn nicht jetzt, dann vielleicht später. Übergewicht mag vor allem als ästhetisches Problem auffallen, es könnte aber bald mehr Tote fordern.
Früher bedeutete eine Seuche den Ausnahmezustand, bedrohte das Dasein. Heute soll sie erhöhte Wachsamkeit und staatliche Präventionsbemühungen einfordern. Her mit dem neuesten Pandemieplan! Seid vorbereitet.
Wer vorbeugen will, darf sich nie zurücklehnen. Wer vorbeugen will, weiß nie genug. Insofern ist Alarmstufe 6 der WHO auch als ein Leseanreiz zu verstehen. Als Kontrastprogramm vielleicht "Die Pest" von Camus.
Strom-Autos in China belasten die Umwelt stärker als Benziner. Jetzt lesen ...
- WHO ruft Pandemie aus Höchste Gefahrenstufe für Schweinegrippe 11.06.2009
- Schweinegrippe Alarm der Hilflosigkeit 12.06.2009
- Schweinegrippe "Die Gefahr einer weiteren Ausbreitung ist sehr groß" 15.06.2009
- Schweinegrippe "Isolierstation? Gegrillt und Bier getrunken" 10.06.2009
- Schweinegrippe Düsseldorf: Sechs weitere Kinder infiziert 13.06.2009
(SZ vom 13.06.2009/gal)
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Gott sei Dank lassen sich die Leute nicht durch provozierende Meldungen verrückt machen. Im Jahr sterben in Deutschland 8.000 bis 10.000 Leute an der Grippe. Das sind im Durchschnitt 25 Leute täglich. Heute konnte man in der Zeitung lesen, dass ein Schotte an Schweinegrippe starb. Das ist Panikmache. Die Medien suchen schon weltweit nach den Toten, um ein paar zusammen zu bekommen, über die man berichten kann.Das Vorgehen ist verantwortungslos!
Der Autor konstatiert eine Verlagerung von konkreter Gefahr hin zu Risikoszenarien, was aber noch nicht hinreichend ins öffentliche Bewußtsein gerückt ist.
Das klingt plausibel. Besonders dann, wenn man stets aufs neue mit riskanten Projekten in (Natur-) Risikozonen konfrontiert wird und sich ernsthaft fragen muß, ob die Promotoren noch alle Tassen im Schrank haben.
Nehmen wir das Beispiel Hochwasser und leichtsinniges Bauen im Risikogebiet:
Die Stadt Köln, die sich gerne mit dem Titel Am-meisten-hochwassergefährdete-Stadt-Europas" schmückt und in den letzten 15 Jahren Hunderte Millionen Euro in einen verbesserten Schutz investiert hat, macht da keine Ausnahme. Und das ungeachtet des Wissens, daß ein nur" 300-jährliches Hochwasser leicht 10 Milliarden Euro Schaden allein in Köln verursachen kann - Tendenz rasant steigend.
Dann könnte man parteipolitische Vorzeigeinvestitionen wie den Kölner Rheinauhafen ganz anders sehen, als eine aus Gier geborene Unvernunft nämlich. Nach uns die Sintflut" - das wäre doch eine völlig neue Zukunftsperspektive der Stadtsparkasse, eine der Hauptinvestorinnen. Ist es nur Zufall, daß der frühere Dezernent für Stadtentwicklung, Bela Dören (SPD), jetzt Geschäftsführer der Vermarktungsholding ist und das Wohnen am Strom" auf Hochglanzpapier anpreist?
Für die Umwandlung weiterer Kölner Häfen in ein hochpreisiges" Büro- und Wohnviertel sind die Bleistifte schon gespitzt, um einmal ein altertümliches Bild zu verwenden.
Alles natürlich im gesetzlichen Überschwemmungsgebiet.
Na klar. Wo denn sonst!
Regierungspräsident nickt ab.
Na also: Geht doch!
Merke: Wo die Profite kreisen, geht der Verstand auf Reisen.
P.S.: Es gibt auch Bürgerinitiativen, die zur Abwechslung mal FÜR etwas sind und nicht gegen
Über die fruchtlosen Anstrengungen bei der Risikovorsorge findet sich einiges auf der Site der BI Hochwaser Köln-Rodenkirchen (www.hochwasser.de)
Interessant ist doch an dieser Stelle gerade die Rolle der Medien. Wurden doch in den vergangenen Jahren BSE, Vogelgrippe und Co. medial so stark hochgespielt und fanden dann einige Zeit später kaum noch Erwähnung. Wenn ständig jemand Feuer schreit, obwohl es nicht brennt, hört irgendwann niemand mehr hin. Wen wundert es also, wenn sich innerhalb der Bevölkerung ein gewisser Lerneffekt, wenn nicht sogar eine Form von Reaktanz eingestellt hat? Vielleicht würden die Menschen angemessen reagieren, wenn es ihnen noch möglich wäre, zwischen (medial) gemachter und tatsächlicher Bedrohung zu unterscheiden