Seuchenexperte Stefan Kaufmann über die Risiken der Schweinegrippe, übertriebene Angst und den Sinn von Impfungen.
Stefan Kaufmann warnte einst vor Panik vor der Schweinegrippe. Mehrere tausend Infektionsfälle später äußert sich der Gründungsdirektor des Max-Planck-Instituts für Infektionsbiologie erneut zum Thema.
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"Impfungen sind sinnvoll": Stefan Kaufmann glaub allerdings, dass sich viele dagegen entscheiden werden. (© Foto: AP)
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SZ: Sie haben das Gefahrenpotential der Schweinegrippe als "vergleichsweise gering" bezeichnet. Ist alles gar nicht so schlimm?
Kaufmann: Vom jetzigen Zeitpunkt aus gesehen, ist die Schweinegrippe eine Grippe mit mildem Verlauf. Die Symptome sind unangenehm, aber nicht tödlich. Momentan muss sich der Einzelne nicht sehr fürchten.
SZ: Also ist die Angst übertrieben?
Kaufmann: Das würde ich nicht sagen, da muss man zwischen dem Status Quo und Zukunftsszenarien unterscheiden. Die möglichen Entwicklungen, die das Virus nehmen kann, sind zum Teil bedrohlich, etwa wenn sich das Schweine- mit dem Vogelgrippevirus kombinieren würde. Andererseits gab es in den 70er Jahren schon einmal eine kleine Schweinegrippe-Epidemie, vor allem in den USA. Die ist von selbst ausgetrocknet.
SZ: Sind Impfungen sinnvoll?
Kaufmann: Ich finde schon, kann mir aber vorstellen, dass sich viele dagegen entscheiden. Schließlich hält sich auch das Interesse an einer Impfung gegen die saisonale Grippe in Grenzen. Und daran sterben in Deutschland jährlich etwa 10.000 Menschen. Im Jahr 2008 gab es weltweit geschätzte 300.000 Grippetote.
SZ: Die normale jährliche Grippewelle ist gefährlicher als die neue Grippe?
Kaufmann: Noch fordert sie jedenfalls mehr Tote. Die Schweinegrippe kann aber ähnlich bedrohlich werden oder stärker.
SZ: Regen wir uns also über die Schweinegrippe zu viel auf oder über die normale Grippe zu wenig?
Kaufmann: Wahrscheinlich beides. An die saisonale Grippe haben wir uns gewöhnt, wie an Tuberkulose, HIV, Malaria. Die fordern jährlich Millionen Tote, aber wir fühlen uns nicht so bedroht. Das liegt wohl daran, dass viele zumindest Tuberkulose, HIV und Malaria als Armutskrankheiten abtun, die sie nicht treffen. Aber ich denke auch, dass wir das Neue, Unbekannte einfach mehr fürchten. Zudem ist der Grat zwischen Aufklärung, Transparenz und Panik schmal, und wahrscheinlich ist die Diskussion über die neue Grippe teilweise zu sehr in Richtung "große Sorge" abgedriftet.
SZ: Was wäre Ihnen in der Diskussion wichtig gewesen?
Kaufmann: Wenn wir über die neue Grippe sprechen, kommt vor allem ein Punkt zu kurz: Wir machen uns immer erst Gedanken, wenn eine Krankheit ausgebrochen ist. Aber wir fragen viel zu selten, woher die Viren kommen - nämlich aus der industriellen Massentierhaltung, besonders in den Schwellenländern. Da entwickeln sie sich prächtig. Dennoch werden nur die Symptome bekämpft.
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(SZ vom 07.09.2009/segi)
Entspannter Vierbeiner