Schweinegrippe Kranke Zahlenspiele

Die Gesellschaft ist unfähig, mit Unsicherheit umzugehen. Dies trifft insbesondere beim Thema Schweinegrippe zu, findet Gerd Antes von der Ständigen Impfkommission.

Die Menschen sind verunsichert über die Bedrohung durch die Schweinegrippe und die Impfung dagegen. Jetzt äußert sich Gerd Antes und damit erstmals ein Mitglied der Ständigen Impfkommission, die im Oktober die Impfung gegen die Schweinegrippe empfohlen hat. Das Wort von Antes hat besonderes Gewicht. Er leitet das Deutsche Cochrane-Zentrum in Freiburg, das die Qualität wissenschaftlicher Daten bewertet.

Horrorszenarien mit hohen Todeszahlen gehören in Zeiten der Schweinegrippe zum guten Ton: 35.000 Tote im kommenden Winter allein in Deutschland, die angekündigte Welle ist endlich da, und die zweite Welle, die noch schlimmer wird, kommt sicher im Frühling. Für Zweifler stellen Experten fest, dass die Zahl der Infektionen deutlich steige, um so zu versichern, dass die Welle begonnen habe. Einzelne Todesfälle werden in der Presse geradezu zelebriert. Graphiken mit steil aufragenden Kurven signalisieren höchste Gefahr und zeigen, dass wir am Rande des Abgrunds stehen.

Für Sammler von Beispielen, wie man Zahlen nicht interpretieren sollte, herrschen goldene Zeiten. Alles, wovor man Erstsemester warnt, wird geboten. Dabei sind die Regeln einfach. Grippetote oder Impfschäden einzeln zu zählen ist sinnlos, wenn nicht gesagt wird, wie viele Menschen infiziert oder geimpft wurden. Das ist der Nenner, auf den Fälle bezogen werden müssen. Absolute Anzahlen wecken Emotionen, für die Beschreibung von Risiken haben sie keine Bedeutung. Nutzen und Risiken werden mit Quotienten beschrieben!

Keine belastbaren Zahlen

Noch wichtiger ist: Risiken befinden sich immer im Wettstreit mit anderen Risiken. Ihre Bewertung bedeutet eine Abwägung. Hier gilt es, das Risiko durch Schweinegrippe gegen das Impfrisiko zu gewichten. Ob der Nutzen einer Impfung größer ist als die Risiken durch Infektion oder Nebenwirkung, muss im fairen Vergleich ermittelt werden. Die Methoden dafür sind klinische Studien und systematische Beobachtung der Praxis.

Was einfach klingt, ist es in der Realität leider nicht. Statt uns auf eine vertrauenswürdige Basis für eine Nutzen-Risiko-Abwägung stützen zu können, stehen wir vor einem erstaunlich großen Wissensloch. Sogar die einfache Frage, was ein milder Verlauf bedeutet und wie viele Infizierte nur einen solchen erfahren, findet noch keine empirische Antwort. Erstaunlich angesichts der Prognosen, dass die deutsche Wirtschaft durch Fehlzeiten schwer Schaden nehmen könnte.

Statt belastbarer Daten findet man Aussagen, dass Tennisprofi Tommy Haas "überraschend" schnell von der Schweinegrippe genesen sei. Diese Aussage kann nur machen, wer sein Weltbild auf Worst-Case-Szenarien geeicht hat.

Auch die zentrale Frage, wie viele Infizierte es in Deutschland gibt, ist nicht zuverlässig zu beantworten. Die gemeldeten Zahlen sind erfasste Infektionen, die von den tatsächlich Infizierten um das Zehnfache übertroffen werden können. Verlässliche Zahlen sind Mangelware.

Objektive Risikoabschätzung fehlt

Fehlendes Wissen bedeutet Unsicherheit. Das scheint als Einladung verstanden zu werden, mit auf Glauben beruhenden Aussagen für Sicherheit zu sorgen. Zahlen und objektive Risikoabschätzungen sucht man oft vergeblich. Das könnte akzeptiert werden, wenn der Glauben als solcher deklariert und nicht als Wissensmogelpackung präsentiert würde.

Besonders irritierend für die Öffentlichkeit sind Aussagen zur Sicherheit des Impfstoffs. Den Impfstoff als sicher zu bezeichnen, ist falsch und wird durch regelmäßige Wiederholung durch die Präsidenten von Paul-Ehrlich-Institut und Robert-Koch-Institut nicht richtiger.

Genauso falsch ist es, den Impfstoff als unsicher zu bezeichnen, so oft Impfgegner das auch wiederholen. Das Wort "sicher" ist irreführend, da es die wünschenswerte Sicherheit nicht gibt und nicht geben kann. Das ist kein spezielles Problem dieses Impfstoffs, sondern gilt allgemein.

Jedes Arzneimittel hat bis zu seiner Einführung eine Entwicklung durchlaufen, in der alles getan wurde, um schädliche Wirkungen zu minimieren. "Unbedenklich" ist das treffendere Wort und Voraussetzung für die Einführung.

Ganz sicher ist das Ergebnis aber nie, kann es nicht sein. Wer das trotzdem behauptet, stellt sich in eine Reihe mit denen, die obskure Produkte als garantiert nebenwirkungsfrei bezeichnen. Wie groß die Unsicherheit ist, zeigt ein Blick auf Webseiten des britischen Gesundheitsministeriums. Dort stehen Modellrechnungen für erwartete Todesfälle. Optimisten kamen im Sommer auf 50.000, Pessimisten auf 750.000. Besser als durch diese enorme Spanne kann man Unsicherheit nicht zeigen.

Diese ältere Prognose wurde dann im September auf die Spanne von 3000 bis 19.000 zurückgenommen - das sind übliche Opferzahlen durch saisonale Grippe. Die schlimmsten Befürchtungen der Optimisten vor der Pandemie waren also zweieinhalbmal so dramatisch wie die der Pessimisten im September. In Deutschland umschifft man solche Probleme, indem man keine Spanne, sondern nur eine Zahl nennt - mit größter Sicherheit.

Ignoranz gegenüber Fakten

Wie ein roter Faden zieht sich die Abneigung gegenüber Zahlen durch Berichte. Ein Grund mag die schlechte Datenlage sein, aber auch vorhandene werden ignoriert. Die gegenwärtig besten stammen von der Südhalbkugel. Erfahrungen und Zahlen des dort fast beendeten Winters geben keinen Anlass für Katastrophenszenarien.

Während die Ignoranz gegenüber Fakten bei der Bild nicht überrascht, ist ein solches Verhalten von Maybrit Illner (ZDF) oder in "Hart aber fair" (ARD) auffällig. Obwohl beide Redaktionen zuvor auf Daten der Südhalbkugel hingewiesen wurden, gab es zum Impfbeginn auch dort ein weitgehend faktenfreies Palaver. Eine weitere Chance zur Aufklärung wurde vertan. Das setzte sich bei "Hart aber fair" im "Faktencheck" zur Klärung offener Fragen fort; dort wurde der faktenfreie Faktencheck kreiert.

Auf der Strecke bleiben die Bürger. Der Wunsch nach Sicherheit wird konterkariert durch Aussagen echter und vermeintlicher Experten, die Irritation verursachen. Falsch wäre aber der Vorwurf, dass Experten nicht mit einer Stimme Sicherheit schaffen.

Das diffuse Bild ist natürliche Folge der objektiven Unsicherheit. Verwerflich ist, dass diese Unsicherheit nicht als solche deklariert wird, sondern durch Ignoranz ein Bild von Sicherheit erzeugt wird, das mit der Realität nichts zu tun hat. Die gesellschaftliche Unfähigkeit, mit Risiken rational umzugehen, ist erschreckend.

Es gibt derzeit keinen Grund zu übertriebener Aufregung. Das Grippegeschehen liegt gegenwärtig im üblichen Bereich, bei aller Tragik der Einzelschicksale. Die Medienpandemie einzudämmen verdient mehr Beachtung. Die verantwortungsvolle Interpretation vollständig und transparent dargestellter Zahlen muss Grundlage individueller wie gesellschaftlicher Entscheidungen sein. Daraus Sicherheit zu erhoffen ist jedoch utopisch. Wir müssen lernen, mit Unsicherheit sicher und rational umzugehen.