Von Christina Berndt

Die meisten Erkrankten haben den Erreger der Schweinegrippe aus dem Ausland mitgebracht. Doch auf Reisewarnungen setzt niemand, wohl aber auf Medikamente und Impfungen. Des Profits wegen?

In der Heimat steckt sich kaum jemand an. Die Zahl der registrierten Deutschen mit Schweinegrippe ist zwar in den vergangenen Tagen sprunghaft gestiegen - von 1800 am Dienstag auf 2455 am Mittwoch auf 2844 am Freitag. Doch mehr als 80 Prozent der Kranken haben den Erreger aus dem Ausland mitgebracht. Urlaubszeit ist Virenzeit, das zeigt sich bei der Schweinegrippe wieder einmal.

Schweinegrippe, AP

Neben der Ansteckung drohen Touristen in manchen Ländern auch Kontrollen, Ausweisung oder die Quarantäne, wie hier in China. (© Foto: AP)

Anzeige

Eine Reisewarnung will das Auswärtige Amt in Absprache mit dem für die Überwachung von Infektionskrankheiten zuständigen Robert-Koch-Institut (RKI) trotzdem nicht aussprechen. "Reisewarnungen bringen nichts, das hat sich bei früheren Epidemien gezeigt", erläuterte RKI-Präsident Jörg Hacker.

Wenn die Deutschen nicht mehr in die besonders betroffenen Länder wie die USA, Kanada oder Spanien reisten, suchten sich die Viren eben andere Wege. Durch Urlaub im heimischen Garten lasse sich die Schweinegrippe jedenfalls nicht aufhalten. Hacker rechnet in der nächsten Zeit weiterhin mit 400 bis 600 zusätzlichen Neuerkrankungen pro Tag.

Der Biologe appellierte erneut an die Menschen, statt einschneidender Verhaltensänderungen wie dem Urlaubsverzicht einfach die klassischen Hygieneregeln zu beachten. "Wenn ich eine Reise nach Mallorca gebucht hätte, würde ich jetzt trotzdem fahren, mich aber an die nötigen Verhaltensregeln halten", sagte der RKI-Präsident. Gleichwohl ist das persönliche Risiko, sich in einem stark betroffenen Land anzustecken, selbstredend größer.

Dass es keine Reisewarnung gibt, hat neben den epidemiologischen daher auch politische und gesellschaftliche Gründe. "Eine Reisewarnung bedeutet nun einmal nicht nur abgesagte Urlaubsreisen, sondern auch den Ausfall von internationalen Großveranstaltungen, Kongressen und Tagungen. Eine solche Entscheidung muss man sich gut überlegen", sagt Hacker. Erneut sprach sich Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) denn auch am Freitag gegen die von Politikern erhobene Forderung aus, Fußballspiele abzusagen. "Das zeichnet sich derzeit nicht ab", sagte sie.

Doch während das RKI die Deutschen mit täglich höheren Fallzahlen beunruhigt, haben andere Länder wie die USA und Großbritannien und auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) längst aufgehört, die Schweinegrippe-Kranken zu zählen. Die Schweinegrippe habe sich binnen sechs Wochen weltweit so stark ausgebreitet wie frühere Grippe-Pandemien in einem halben Jahr, teilte die WHO mit. Jeden einzelnen Fall labortechnisch abzuklären und zu dokumentieren, sei vor allem für ärmere und für die besonders belasteten Nationen kaum noch zu bewältigen. Die WHO wird deshalb nur noch ungewöhnliche und schwerwiegende Fälle dokumentieren, um die Pandemie im Blick zu behalten.

Deutschland aber will weiterzählen. "Wir halten das für sinnvoll", sagt RKI-Präsident Hacker. "Aus den Daten können wir viel lernen." Schließlich sei auch die Erkenntnis, dass derzeit nur die Zahl der importierten Fälle wachse, der Datensammlung zu verdanken. Die Zahl der Menschen, die sich im Inland ansteckt, stagniere trotz insgesamt wachsender Fallzahlen. "Vielleicht", sagt Hacker, "ist das schon ein Erfolg unserer bisherigen Strategie."

Dass Deutschland die Schweinegrippe bislang fast ausschließlich als milde Erkrankung erlebte, hat nach Hackers Ansicht auch mit dem Niveau des hiesigen Gesundheitssystems zu tun. Sogar der Säugling, der sich kurz nach seiner Geburt am 17. Juli in Bad Oldesloe angesteckt hatte, ist schon wieder gesund nach Hause entlassen worden.

Die meisten Influenza-Experten glauben jedoch, dass H1N1/09 mit der Zeit gefährlicher wird. Auch Erreger früherer Pandemien haben oft harmlos angefangen. Hacker ermuntert deutsche Firmen daher, Notfallpläne zu entwickeln, um im Ernstfall weiterarbeiten zu können. Viele Unternehmen haben bereits Strategien entworfen. So sollen Mitarbeiter der Deutschen Telekom im Fahrstuhl Knöpfe mit dem Knöchel statt mit dem Finger drücken. Und bei der WestLB begrüßt man sich ohne Handschlag.

Kritiker wie Tom Jefferson von der gemeinnützigen "Cochrane Collaboration" halten all das für übertrieben. Die Influenza werde maßlos überschätzt, sagte der Arzt dem Spiegel. Weil es aber dagegen Medikamente und Impfstoffe gebe, hingen Forschungsgelder, Macht und Karrieren an der Grippe. RKI-Präsident Hacker hingegen sagt. "Aus meiner Sicht ist es keine Frage: Wir müssen einfach versuchen, uns zu schützen."

Leser empfehlen 

(SZ vom 25.7.2009/beu)